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Eine Dokumentation von Martin Hubrig und Sven Lüke

Letzte Überarbeitung: 31. Oktober 2003

Inhaltsverzeichnis (anklickbar)




Vorwort

Sicher hat Osnabrück im 2. Weltkrieg durch die zahlreichen alliierten Luftangriffe noch weitaus Schlimmeres erlitten - war diese doch eine der am stärksten zerstörten deutschen Städte. Aber es ist schon sonderbar, dass man in den einschlägigen Wetterarchiven & Chroniken zum extremen Hagelunwetter vom 29. Juni 1903 in und um Osnabrück nur selten etwas findet, obwohl es vom Ausmaß sicher einer der schwersten Hagelschläge des 20. Jahrhunderts in ganz Deutschland war.

Lediglich die naturkundliche Chronik Nordwestdeutschlands von Dr. F. Hamm lässt - durch folgende Worte dokumentiert - auf die wahre Dimension des Unwetterereignisses schließen: "Zwischen 15.00 und 15.15 Uhr zieht ein Hagelwetter mit kartoffelgroßen Schloßen von SW nach NO in schmalem, scharf abgegrenztem Streifen über Osnabrück und Umgebung. Es hinterläßt 84.000 zertrümmerte Fensterscheiben, viel Flurschaden und ganz bedeutende Bodenabspülungen. Noch nach drei Tagen liegen Schloßen in nordwärts gerichteten Gebäudenischen."

Dieser Eintrag veranlasste Martin Hubrig im Jahr 2001 zur Meldung bei TorDACH, einer Organisation, die im deutschsprachigem Raum Daten zu Unwettern sammelt und auswertet. Aufgrund der für den 29. Juni 1903 nur lückenhaft vorhandenen Daten startete er 2003 eine Recherche im niedersächsischen Staatsarchiv in Osnabrück. Dort musste er zu seinem Erstaunen feststellen, dass das Hagelunwetter vom 29. Juni 1903 Anfang Juli 1903 die lokale Tagespresse beherrschte. Außerdem wurden ihm drei sehr umfangreiche Akten mit vielen Hunderten handschriftlichen (Altschrift) Schadensberichten, die er aus Zeitgründen leider nicht weiter verfolgen konnte (alle Tätigkeiten erfolgten ehrenamtlich), vorgelegt. Neben dem außergewöhnlich starkem Hagelschlag waren auch noch Sturm weit oberhalb der Orkanschwelle und sehr intensive Starkniederschläge für die große Höhe der Schäden mitverantwortlich.

Aufgrund der Fülle des Materials entschlossen sich Martin Hubrig und Sven Lüke, weitere Nachforschungen in allen Ihnen verfügbaren Chroniken zu betreiben. Zusätzlich startete die Neue Osnabrücker Zeitung einen Aufruf, in alten Kartons und Kisten nach Bildern und Aufzeichnungen von diesem Tag zu suchen. Leider blieb das Ergebnis von diesem Aufruf sehr dürftig, es wurde lediglich ein Bild in die Redaktion geschickt.

Zweierlei ist Fakt:

  • Während das Ereignis am Anfang des 20. Jahrhunderts noch lange in reger Erinnerung blieb, ist dieses knapp 2 Generationen später durch die schlimmen Zerstörungen im 2. Weltkrieg stark in Vergessenheit geraten.
  • Wenn auch einige Menschen verletzt wurden, so gab es durch den Hagelschlag direkt offenbar glücklicherweise keine Todesopfer. Da aber damals aufgrund der immensen Sachschäden oft von einer Katastrophe gesprochen wurde, wird hier dieser Ausdruck ganz bewusst auch im Titel benutzt.

Der Tag damals

Die vorangegangen Tage waren im Osnabrücker Land sonnig und warm. Die Menschen genossen das Wetter, machten Ausflüge und die Kinder vergnügten sich in den Badeanstalten. Am 29. Juni 1903, ein Montag, wurde die Hitze durch die zunehmende Schwüle aber langsam unerträglich. Vor allem das subjektive Empfinden der Hitze war besonders groß, luftige und freizügige Kleidung ,wie wir sie heute kennen, gab es damals noch nicht, man gab sich "zugeknöpft".

Schon am frühen Vormittag war die Temperatur deutlich über 20°C gestiegen, einzelne Schulklassen bekamen Hitzefrei. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel hinab. Ab dem Mittag setzte dann leichte Schleierbewölkung ein, die sich dann zunehmend weiter verdichtete - Gewitter lag in der Luft bei mittlerweile 28°C.

Ab 14.30 Uhr wurde es im Westen dann zunehmend dunkler und die Osnabrücker freuten sich über die offenbar bevorstehende Abkühlung in Form von Gewitter und Regen. Ab 14.45 Uhr nahm der Wetterverlauf dann aber eine dramatische Wendung. Die Wolken gingen in ein schmutziges grün-gelbes Gewölk über und die Vögel verstummten. Die Natur erstarrte zu einer gespenstischen Ruhe, als ob sie schon wüsste, das es nicht bei einem normalen Sommergewitter bleiben wird.

Kurz vor 15 Uhr wurde dann es recht abrupt dunkel, die Sonne verschwand hinter gigantischen Wolkentürmen. Wer genau hinsah, konnte deutlich erkennen, dass die Wolken eine Rotation aufwiesen, deutliches Anzeichen für eine sogenannte "Superzelle", die gefährlichste Form von Gewitterzellen. Die Dunkelheit war so mächtig, dass in den Wohnungen das Licht angezündet werden musste. Die Straßen waren nahezu leergefegt. Die Bauern auf dem Felde konnten dem unheimlichen Schauspiel am Himmel nur zuschauen - der Wolkenaufzug geschah in so rascher Folge, dass kaum Zeit gewesen wäre, den Rückzug ins Heim anzutreten.

Ein erste kräftige Sturmbö traf die Stadt. Es folgten weitere schwere Sturmböen, die ersten Bäume gaben nach und knickten um. Das wahre Unheil kündigte sich durch ein starkes Rauschen an. Sekunden später setzte ein gewaltiger Hagelschauer ein, wie er seit Jahrhunderten nicht mehr in Osnabrück beobachtet wurde. Die Hagelkörner wurden schnell immer größer, erreichten bald vielerorts 4 bis 5 cm an Durchmesser, in manchen Stadtteilen sogar bis zu 8 cm. Der heftige Sturm trieb den Hagel mit sehr hoher Geschwindigkeit fast waagerecht durch die Luft. Ein extremes Dröhnen und Brausen setzte ein, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen konnte. Panik und Entsetzen machte sich unter den Leuten breit. Alle nach Westen liegenden Fensterscheiben wurden innerhalb weniger Sekunden zerstört, Dächer durch den Sturm abgedeckt und Bäume entwurzelt. Viele Menschen dachten, dass der Weltuntergang gekommen sei, so heftig war das Unwetter.

Auf den Feldern gingen die Pferde durch, konnten nur mit Mühe ausgespannt werden. Die Menschen suchten verzweifelt irgendwo Schutz, um den großen Hagelschloßen zu entgehen - doch wo soll man sich auf dem freien Feld unterstellen - Bäume wurden reihenweise entwurzelt, dicke Äste brachen ab und wurden wild durch die Luft geschleudert. Scheue Pferde überrannten in ihrer Panik die Menschen. Die meisten Menschen, die sich zum Zeitpunkt des Unwetters draußen aufgehalten hatten, waren nach dem Unwetter wenigstens mit Beulen "gesegnet". Einige hatte es noch schlimmer erwischt, sie trugen teils erhebliche Kopfverletzungen davon. Glücklicherweise waren an diesem Tag keine Todesopfer in und um Osnabrück zu beklagen.

Ebenso so schnell, wie das Unwetter über das Osnabrücker Land hereingebrochen war, so schnell war es auch wieder abgezogen. Je nach Gebiet tobte das Hagelgewitter zwischen 10 bis 15 Minuten lang. Die wirklichen Probleme sollten aber erst noch beginnen. Neben Zehntausenden zerstörten Fenstern, Dachpfannen und Gaslaternen waren auch die Felder plattgewalzt, die Ernte größtenteils vernichtet und zahlreiche Keller und Dachwohnungen durch Wasserschaden stark in Mitleidenschaft gezogen, in diesem Zusammenhang wird sogar von eingestürzten Zimmerdecken berichtet.


Kurzes Resümee, Schäden & Bilder

Allein in der Stadt Osnabrück, die 1905 nach einer Volkszählung 59.580 Einwohner zählte, wurden 130-135.000, nach den Bramscher Nachrichten vom 4. Juli 1903 sogar bis 150.000 zertrümmerte Fensterscheiben geschätzt! Ob die in der Hamm-Chronik erwähnten "nur" 84.000 zertrümmerten Fensterscheiben die tatsächliche Zahl darstellte, ließ sich leider nicht mehr herausfinden.

Nach einer vorläufigen Bilanz (die endgültige Zahl war leider nicht aufzufinden) betrug die Schadenssumme 4 bis 5 Mio. Mark nach damaliger Währung. Allein der ehemalige Landkreis Wittlage hatte Schäden von über 1 Mio. Mark zu beklagen. Zur Verdeutlichung der relativen Schadenshöhe: In diesem Landkreis waren 15 damalige Gemeinden, in denen damals ca. 7.800 Menschen lebten, betroffen. Im Kreis Lübbecke wurde der Schaden amtlich auf 449.750 Mark festgesetzt.

Wie immens hoch diese Summen damals waren zeigt folgendes Zitat aus dem Osnabrücker Tageblatt vom Freitag, den 17. Juli 1903:
"Für die durch Hagel Betroffenen sind in der Samtgemeinde Melle bereits in den ersten zwei Tagen der Sammlung über 700 M. gesammelt worden! Im Germania-Garten findet morgen ein großes Konzert zum Besten der Geschädigten statt. Der Oberpräsident der Provinz Hannover, Wenzel, hat für die Verhagelten die Summe von 1000 M. gespendet." Demnach müssen 1000 Mark damals schon eine gewaltige Summe gewesen sein.

Die wenigen auffindbaren und im folgenden abgebildeten Bilder - die Fotografie steckte vor 100 Jahren noch in den Kinderschuhen und war nur für ganz wenige verfügbar - geben offenbar kaum das Ausmaß der Schäden wieder, wie die später zitierten Berichte zeigen.

Zum Titelfoto war im Osnabrücker Tageblatt vom Freitag, den 3. Juli 1903 folgender Bericht zu finden: "Nicht uninteressant ist es, was auswärtige Blätter, z.B. die "Weserzeitung", über die 1 bis 2 Fuß hohe Hagelschicht auf der Krahnstraße schreiben. Im genannten Blatt wird der Ansicht Ausdruck gegeben, daß über der Krahnstraße wohl eine Wolke geplatzt und ihren ganzen Inhalt an Schlossen ausgeschüttet haben müsse. Die Sache hat bekanntlich, wie bereits erwähnt, eine ganz natürliche Erklärung: Durch die niederstürzenden Wassermassen sind einfach die Schlossen vom Nikolaiort und von der Hafen- und Lorßingstraße her auf der niedriger gelegenen Stelle der Krahnstraße zusammengeschwemmt."

Auch zertrümmerte der Hagelsturm an verschiedenen Eisenbahnzügen viele Scheiben. Beispielsweise waren nach einem Bericht in der Osnabrücker Volkszeitung vom Dienstag, den 30. Juni 1903 in dem Nachmittags von Rheine eintreffenden Eisenbahnzug viele Scheiben der Coupeefenster zertrümmert. Auf in Quakenbrück ankommenden Eisenbahnwagen fanden sich noch Eisstücke in der Dicke eines Taubeneis.

Zahlreiche Singvögel, sowie sonstiges Geflügel wie Hühner und Tauben wurden nach den Berichten mehrerer Zeitungen erschlagen aufgefunden. Es wurde auch von einer großen Zahl blutig geschlagener Weidetiere, nicht jedoch von erschlagenen berichtet. Vergleicht man die Schadenintensität dieses Hagelschlages mit denjenigen vergleichbarer, bei denen oftmals ganze Viehherden getötet wurde, erscheint es unwahrscheinlich, dass kein Vieh tödlich getroffen wurde. Vielleicht findet sich ja unter den Lesern aus dem Osnabrücker Raum noch jemand, der hierzu Angaben machen kann.

An dieser Stelle möchten wir Ihnen ein paar Augenzeugenberichte von damals zeigen. Die Schilderungen geben die Ereignisse teils sehr drastisch und eindringlich rüber (bitte mit der Maus den gewünschten Bericht anklicken):

Eine weitere dramatische Beschreibung aus Rabber, wenige km östlich von Bad Essen am Nordrand des Wiehengebirges, erschien in den Bramscher Nachrichten am 2. Juli 1903 im folgenden Wortlaut:

"Rabber, 20. Juni. Heute ging nach großer Hitze der letzten Tage, ein Unwetter über unseren Ort und Umgegend nieder, wie es seit zirka 30 Jahren nicht vorkam. Etwa um 3 ½ Uhr nachmittags, nachdem seit Mittag schon die ersten Anzeichen bemerkbar waren, brach ein starker Sturm los. Der Staub wirbelte turmhoch empor. Plötzlich, nach einigen Donnerschlägen, brach ein Hagelunwetter los, das aller Beschreibung spottet. In wenigen Minuten waren alle Feldfrüchte vernichtet, Bäume zu Dutzenden geknickt oder entwurzelt, die Fensterscheiben an der Nordwest- und Westseite fast sämtlich zersplittert. Am ärgsten hat wohl das Unwetter in Barkhausen und Linne gewütet. Hier überfiel es auch einen Leichenzug aus Rabber. Mit Mühe wurden die scheuenden Pferde ausgespannt. Der Kutscher wie auch der zu Hilfe eilende Pastor und der Bäcker Schmieding aus Rabber wurden von den Schloßen erheblich am Kopfe verwundet. Die Obst- und auch die Kornernte ist vollständig vernichtet. Auch mehrere Gebäude sind eingestürzt, darunter das neuerbaute Nebenhaus des Konditors Dreß in Rabber."

An dieser Stelle möchten wir Ihnen zwei weitere Zeitungsberichte von damals am Tage danach zeigen. Um die Wirkung, die dieses Unwetter auf die damalige Bevölkerung ausgeübt hat, wiederzuspiegeln, findet sich hier eine wörtliche Abschrift des Artikels aus dem Osnabrücker Tageblatt, Dienstag, den 30. Juni 1903:

"Durch das furchtbare Hagelunwetter, welches gestern Nachmittag kurz nach 3 Uhr mit einem Orkan und wolkenbruchartigem Regen die hiesige Gegend heimgesucht hat, sind alle Erntehoffnungen zu schanden gemacht, die Feld- und Gartenfrüchte total vernichtet worden. Die Eisstücke - denn von Schlossen kann man eigentlich kaum noch reden - erreichten tatsächlich die Größe von Hühner-Eiern und gingen mit solcher Wucht nieder, daß die Halmfrüchte nicht nur geknickt, sondern glatt abgeschlagen und sozusagen in den Erdboden hineingestampft wurden. Ein trostloses Bild bieten z. B. in dieser Beziehung die Fluren am Westerberg; die dort vorhanden gewesenen wogenden Getreidefelder sehen aus, als ob sie mit einer Riesenwalze dem Erdboden gleich gemacht wären; von den Kartoffeln, Bohnen usw. sind vielfach nur die Stauden übrig geblieben und gleiche Verheerungen sind in den Gärten zu verzeichnen, in denen beispielsweise von den Beerensträuchern stellenweise sämtliche Blätter mit den jungen Früchten förmlich abrasiert und nur noch die Stengel als traurige Zeugen vergangener Herrlichkeit übrig geblieben sind. Es braucht kaum hinzugefügt zu werden, daß nicht minder große Verwüstungen in den Obstanlagen, Erdbeerkulturen, Blumenbeeten, Gärtnereien usw. angerichtet sind.
Die Zahl der in der Stadt entzwei geschlagenen Fensterscheiben dürfe mit 15-20 000 Stück nicht zu hoch veranschlagt sein, denn fast kein Haus ist verschont geblieben; namentlich in den westlich gelegenen Straßen sind Gebäude anzutreffen, an denen die Schlagseite auch kein einziges ganzes Fenster mehr aufzuweisen hat. Die Glaser haben alle Hände voll zu tun und vermögen den Anforderungen kaum zu genügen, zumal Jedermann naturgemäß zuerst bedient sein will und soviel Glas, wie erforderlich, in sämtlichen Glashandlungen der Stadt zusammengenommen, gar nicht vorhanden ist; tatsächlich mußten denn auch gestern Nachmittag, nachdem sich die entfesselten Elemente wieder beruhigt hatten, erst eine ganze Reihe großer Glassendungen telegraphisch bestellt werden.
Häuser mit 50 bis 80 und mehr entzwei geschlagenen Scheiben sind keine Seltenheit; am ärgsten sind u. A. mitgenommen worden die Kromschrödersche Gasuhrenfabrik, an der rund 800 zertrümmerte Scheiben gezählt wurden, das Eisen- und Stahlwerk, die Spinnerei und Weberei der Firma F. H. Hammersen, die an der Lotterstraße belegene Scheppmannsche Gärtnerei, deren Glasbedachungen mit den in den Innenräumen untergebrachten Topfgewächsen kurz und klein geschlagen sind, die Infanterie-Kaserne am Wall, das Rathaus, der Harmonieklub, in dessen Saal die mehr als ½ Ztm. starken Oberlichtscheiben den Hagelschlossen nicht zu widerstehen vermochten; nicht viel besser sieht es mit der neuen Bürgerschule an der Hafenstraße und anderen Bauten aus, sie machen den Eindruck, als ob sie mit Infanteriefeuer beschossen worden wären; vielfach sind an den Beulen und Eindrücken der Außenwände genau die Stellen zu erkennen, wo die Eisstücke aufgeschlagen sind. Ebenso sind wohl Hunderte von Gaslaternen in Trümmer gegangen.
Arg in Mitleidenschaft gezogen ist insbesondere der gotische, als Sehenswürdigkeit bekannte Düttingsche Saal, dessen in seltener Farbenpracht gehaltenes malerisches Glasdach trotz der darüber befindlichen Scheibenlage auf der Seite nach dem Ratsgymnasium zertrümmert ist; ebenso sind aus den bunten Fenstern der reformierten Kirche an der Bergstraße, ferner der Herz-Jesu-Kirche am Herrenteichswall zahlreiche Scheiben herausgeschlagen worden, während das Unwetter augenscheinlich den Fenstern der St. Marien- und St. Katharinenkirche nur wenigen Schaden zuzufügen vermocht hat. Ebenso ist das bunte, mit dem Reichsadler geschmückte Fenster an der Hofseite des Regierungsgebäudes teilweise zertrümmert worden. Auch zahlreiche, ja vielleicht die meisten Fernsprechleitungen sind gestört.
Wie der Orkan in den öffentliche Anlagen gehaust hat, lassen zahlreiche entwurzelte oder abgebrochene und förmlich auseinandergerissene Bäume erkennen, beispielsweise am Blumenhallerweg, am Martiniplatz, vor dem städtischen Krankenhaus, auf dem Gertrudenberg usw.; an vielen Stellen waren städtische Arbeiter tätig, um durch Beiseiteschaffen der abgebrochenen Reste die Passage frei zu machen. Das massenhaft abgeschlagene Laub hatte namentlich im westlichen Stadtgebiet manche Straßen förmlich mit einer grünen Schicht überzogen, ebenso die Promenaden auf dem Herrenteichs-, dem Kronprinzen-, Kaiser- und Schloßwall. Nicht weniger als 16 Fuder mit je 3 Kubikmtr. Laub sind seitens der städtischen Straßenreinigung, deren Tätigkeit sich doch nur auf die Mittelstraßen beschränkt, gestern schon fortgeschafft worden.

Außer Hagel und Sturm haben auch die Wassermassen ihr Zerstörungswerk besorgt; die Kanäle waren nicht imstande, die Wassermassen zu fassen, zumal die Roste durch die angeschwemmten Schlossen und Laubwerk an zahlreichen Stellen verstopft waren, und so bewegten sich beispielsweise über die Krahn-, Hafen-, Heger-, Bier-, Neue-, Lotter- und andere Straßen förmliche Flüsse, die beispielsweise den Exerzierplatz der Klosterkaserne in einen fußtiefen See verwandelt und auf der Krahnstraße in einer Erstreckung von mehr als 100 Meter eine1 bis 2 Fuß hohe Schlossenschicht angeschwemmt hatten, die noch in den Abendstunden dem Verkehr äußerst hinderlich war, auch sonst lagen des Abends auf Feldern und in Gärten die dicken Hagelkörner noch massenhaft, ja teilweise schichtweise umher.
Es kann nicht wunder nehmen, daß unter solchen Umständen auch zahlreiche Keller unter Wasser gesetzt waren, sodaß man allenthalben Pumpen in Tätigkeit sehen konnte. Schlimm sind ferner diejenigen Hausbesitzer daran, denen - nachdem die Schlossen den Dachfenstern und Dächern selbst übel mitgespielt hatten - das Wasser in die oberen Räume eindrang; stellenweise sind Decken eingestürzt oder doch so arg zugerichtet worden, daß eine gründliche Erneuerung vorgenommen werden muß. Für die Heftigkeit der Lufterschütterungen zeugt auch der Umstand, daß die Uhr am Katharinenturm um 1/4 nach 3 Uhr stehen blieb.
Welche Verheerungen das Wetter unter der gefiederten Welt angerichtet hat, läßt sich noch nicht übersehen, indeß es sagt genug, daß bereits in den Gärten zahlreiche tote Singvögel, ferner erschlagene Tauben, Küken usw. aufgefunden worden sind. Auch das Vieh auf den Weiden dürfte kaum ohne Schaden davon gekommen sein; daß solches Unwetter übrigens einen fast betäubenden Eindruck auf die Tiere auszuüben vermag, ließen 5 Pferde erkennen, die augenscheinlich von einer Weide geflüchtet waren und angsterfüllt in den Anlagen des Schlosswalles (zwischen Blümers Turm und Neustädter Volksschule) Schutz suchten; man mußte sie leider ihrem Schicksal überlassen, da sich niemand ohne Gefahr für das eigene Leben auf die Straße wagen konnte.
Der Gesamtschaden ist unberechenbar, dürfte sich aber auf Hunderttausende belaufen und die Betroffenen umso empfindlicher berühren, als bei dem glücklicherweise nur seltenen Auftreten derartiger Naturereignisse in hiesiger Gegend die weitaus meisten Geschädigten nicht gegen Hagel versichert haben.
Was die Ausdehnung des Unwetters betrifft, so berichten Schüler, die gestern einen Ausflug nach Iburg unternommen hatten, daß dort, ferner in Oesede und Hasbergen kaum von Hagel etwas bemerkt worden ist, dagegen hat diesseits Malbergen das Wetter gehaust, namentlich auch in Hellern und in einem Teil der Gemarkung Hörne; der Kreis Wittlage soll ein ähnliches Bild zeigen wie der Landkreis Osnabrück; der Kreis Melle ist gleichfalls hart in Mitleidenschaft gezogen.
Auf dem Eisen- und Stahlwerk hart das Unwetter besonders großen Schaden angerichtet. Die Zahl der zertrümmerten Fensterscheiben beläuft sich auf Tausende. - An verschiedenen Stellen, so z.B. bei der Firma Max Blank u. Co., Großestr., mußte die Feuerwehr eingreifen, um die Wassermassen aus den Häusern zu beseitigen. Besonders empfindlichen Schaden erleiden die Photographen deren Atelierfenster zertrümmert wurden, so daß Wasser und Hagel in das Innere drangen.
Mehrfach mußten in Fällen, in denen Einwohner verreist waren, Türen gewaltsam geöffnet werden, um das eingedrungene Wasser zu beseitigen.
Aus Eversburg wird uns berichtet, daß das Unwetter nur einen Teil des Ortes betroffen hat. Der Piesberg ist verschont geblieben. In der Atterstraße schlug der Blitz in das Haus des Schmiedemeisters Kaiser, glücklicherweise ohne zu zünden. Dagegen wurde der Nachtwächter Twiehaus gelähmt. Der Schaden auf den Feldern ist unabsehbar. Nichts ist unversehrt geblieben und jede Hoffnung zu Schanden geworden.
In Pr. Oldendorf wütete das Unwetter mit besonderer Heftigkeit.
Die Fernsprech-Verbindungen nach außerhalb sind infolge des gestrigen Unwetters untergebrochen, weshalb letzte Nachrichten auf dem Fernsprech-Wege nicht aufgenommen werden konnten.
Gegen 10 1/2 Uhr zog ein Meteor über Hellern in der Richtung nach Norden. Zwischen der Köln-Mindener und der Hüttenbahn sind fast sämtliche Pappeln entwurzelt und quer über die Chaussee gelegt.
Aus Wissingen wird über das Unwetter gemeldet, daß dort wolkenbruchartige Regenmassen, aber nur verhältnismäßig wenig Hagel niedergegangen sind. Der Sturm wütete derart, daß an der Chaussee zwischen Wissingen und Achelriede nicht weniger als 27 Pappeln umgeworfen wurden. Auf der Hasebrücke bei Wissingen wurde ein Fuder Heu von dem Sturme erfasst und in das Wasser gekippt. Eine Frau und ein Kind, die sich auf dem Wagen befanden, konnten glücklicherweise gerettet werden.
Ein Kind, welches in den Kanal an der verlängerten Katharinenstraße gefallen war, konnte nur mit Mühe gerettet werden.
In Venne, Engter, Hunteburg u. a. sind kaum die Straßen naß geworden; das Unwetter ist nur in der Ferne sichtbar gewesen; in der Richtung nach Osnabrück türmte sich eine gelblich-weiße Wand auf.
In Bad Essen sind einige Häuser halb abgedeckt, auf dem Weg nach Hüsede einige kleinere Fachwerkwände eingedrückt u. Dächer abgedeckt. - Aus Badbergen wird gemeldet, dass dort keinerlei Unwetter zu verzeichnen gewesen sei!"

Der Bereich östlich von Bad Essen scheint am schwersten getroffen worden zu sein. Daher hier ergänzend ebenfalls eine wörtliche Abschrift des Berichts aus dem Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote), vom Dienstag, den 30. Juni 1903:

"Wittlage, 29. Juni. [Ein furchtbares Unwetter]
hat hier heute Nachmittag gehaust. Gegen 3 Uhr kündigte es sich schon dadurch an, daß es unheimlich dunkel wurde. Man sah sofort, daß ein böses Gewitter im Anzuge sei und traf die notwendigen Vorkehrungen. Mit den ersten Blitzschlägen setzte auch ein tüchtiger Regenschauer ein; aber bald begann ein Sturm von solcher Heftigkeit und ein Hagelwetter, wie selbst die ältesten Leute ein solches noch nicht erlebt haben. Das furchtbare Unwetter, bei dem wohl allen Hören und Sehen verging - verschiedene ältere Leute sollen allen Ernstes an den bevorstehenden Untergang der Welt gedacht haben - dauerte etwa 10 bis 12 Minuten. Aber welch ein entsetzlicher Anblick bot sich uns nachher: Von der Gewalt des Sturmes waren eine Unmenge großer Bäume entwurzelt und wie Strohhalme zur Seite geworfen. Allein die herrliche Linden-Allee von Bad Essen zum Essener Pflegehause, eine Zierde des Ortes, hat 30 schöne Stämme, darunter treffliche Baumriesen, eingebüßt. Arg hat der Sturm vor allem unter den Linden am Kirchplatze, beim Pflegehause und bei der Leuchtenburg gewütet; vorn in Essen sind auch einzelne Bäume auf die Hausdächer gefallen und haben diese arg beschädigt. Was der Sturm aber nicht vernichtete, das wurde vom Hagelschlag, dessen einzelne Schlossen zumeist Nußgröße, teilweise aber auch Hühnerei- und sogar Enteneigröße aufwiesen, zerstört. Die Garten- und Feldfrüchte sind vollständig vernichtet. Die Fluren bieten ein trostloses Bild. Mit welcher Wucht der Hagelschlag niederging, das ersieht man an vielen Bäumen, Büschen und Sträuchern, die kein einziges Blatt mehr tragen und nur noch ihren Stamm und nackte, abgeschälte Äste wie ein Gerippe aufweisen. Daß vom Hagelwetter auch Tausende von Fensterscheiben zerschlagen sind, versteht sich von selbst; allein beim Volksschulgebäude in Bad Essen zählt man - abgesehen von den Kellerfenstern - 72 zerschmetterte Scheiben, weshalb denn auch der Unterricht ausgesetzt werden mußte. Aber auch viele Dachziegel sind vom Hagel glatt durchschlagen und fast alle Leute hatten Not, sich des in die Häuser eindringenden Wassers zu erwehren. Kein einziges Haus in dem vom Unwetter betroffenen Gebiete ist verschont geblieben; am meisten werden die Gärtnereien und die Gewächshäuser in Mitleidenschaft gezogen sein. Ganz besonders schlimm muß das Unwetter in der Gegend von Hüsede, Linne und Rabber gewesen sein. Auf der Landstraße von Barkhausen nach Krietenstein war die Straße durch 17 umgewehte Pappeln gesperrt. In Rabber ist ein Neubau (Scheune) des Konditors Dreß am Bahnhofe zerstört, indem das vor einigen Tagen aufgesetzte Gesparre mitsamt einer Seitenmauer des Baues umgerissen ist; auch sind Dreß fast sämtliche Fensterscheiben einschl. des großen Schaufensters zerschlagen.
In Linne hat der Hagel beim Trellerschen Kolonatsgebäude wohl 150 Fensterscheiben vernichtet und etwa 3000 Dachziegel zerstört und abgedeckt. Bei Kalbsiek lag 4 Stunden nach dem Unwetter der Hagel noch 80 cm hoch in dem Straßengraben. Alle Felder liegen platt. Der durch das Unwetter angerichtete Schaden wird auf viele Hunderttausende geschätzt, kann aber derzeit noch nicht annähernd angegeben werden, weil man den Umfang des heimgesuchten Gebietes noch nicht kennt - und da wir durch Zerstörung sämtlicher Fernsprech- und Telegraphenleitungen von der Außenwelt abgeschnitten sind - auch nicht erfahren können. Das Unwetter scheint schon westlich von Osnabrück seinen Anfang genommen und sich längs durch den Kreis Wittlage an der Gebirgskette entlang bis in den Kreis Lübbecke erstreckt zu haben, wo es bei Blasheim sein Ende erreicht haben soll. Im Norden hat die Wittlager Kreisbahn oder die Osnabrück-Mindener Chaussee die Grenze gebildet, im Süden scheinen die Gebirgsorte Kreninghausen, Essenerberg, Rattinghausen, Barkhausen, Büscherheide, Börninghausen usw. noch mit gestreift worden zu sein. Ueberall waren alsbald fleißige Hände beschäftigt, die Fahrstraßen, die durch viele umgestürzte Bäume gesperrt waren, wieder frei zu legen, was bis zum Abend erreicht wurde. Morgen früh reist unser Herr Landrat nach Osnabrück, um dem Herrn Regierungspräsidenten persönlich Vortrag zu halten und mit ihm zu überlegen, welche Maßregeln zur Abwehr der dringenden Not zu ergreifen sind.

Von Osnabrück meldet der "Hann. Courier": Furchtbare Unwetter haben im ganzen Nordwesten der Provinzen Westfalen und Hannover schweren Schaden durch Überschwemmungen, Brände und Hagelschlag angerichtet. Ueberall sind die Felder verwüstet. - Das Glasdach des Dütting´schen Saales mit seinen wertvollen Malereien ist zerstört, ebenso sind die Beschädigungen an den bunten Fenstern der reformierten und der Herz-Jesukirche groß, auch am Rathaus und dem Gebäude des Harmonieklubs sowie an den Gaslaternen sind die Verheerungen bedeutend."


Analyse des Schadenereignisses

Die Länge des schweren Schaden bringenden Hagelstrichs betrug mindestes 75 km und erstreckte sich etwa von Elte (ca. 8 km SE Rheine) bis Blasheim (zwischen Preußisch-Oldendorf und Lübbecke). Die Zugrichtung war von Rheine bis Osnabrück erst fast eine ost-westliche und ging östlich von Osnabrück in eine westnordwestliche über. Die Breite der Schadenschneise konnte auf etwa 5 bis max. 12 km eingegrenzt werden, wobei im südlichen Bereich oft nur Sturm vorherrschte.

  • Im Westen fiel bereits in Elte bei Rheine der Hagel in der Größe von Taubeneiern und einer solchen Dichte, dass dort sämtliche Feldfrüchte und Saaten völlig vernichtet wurden.
  • Im Osten wurde noch westlich von Löhne von einem "schweren Gewitter mit Wolkenbruch und vereinzeltem Hagelschauern" berichtet.
  • Daher ist davon auszugehen, dass der Hagelstrich vermutlich eine Länge von ca. 100 km erreicht hatte.

Auf der folgenden Karte wird versucht aufgrund der vorliegenden Schadensmeldungen die Schadensbahn einzugrenzen. Sie können dabei zwischen zwei Karten auswählen: Die eine Karte zeigt die eingezeichneten Schadensbahn inklusive dem Höhenprofil des Teutoburger Waldes und dem Wiehengebirge, die zweite Karte zeigt zusätzlich noch im Hintergrund eingeblendet das Straßennetz von heute zwecks besserer Orientierung.

Karte ohne Straßennetz Karte mit Straßennetz

Zur Wetterlage: Nach einem vorangegangenen, tagelangen trockenheißen und sonnigen Witterungsabschnitt war es an jenem Tage schwülwarm und auch nach dem Durchzug der Gewitter wird von großer Schwüle berichtet. Aufgrund der Berichte ist davon auszugehen, dass am 29. Juni 1903 eher der Schadentyp durch isolierte Superzellen, als derjenige durch eine geschlossene Squall-Line vorherrschte. Dafür sprechen die vielen Berichte von isoliert aufgetretenen sehr schweren Schäden, während nur wenige km entfernt nichts passierte, wie z. B.: "hier wurde kaum die Straße naß".

Eindeutig für eine Superzelle spricht neben dem Schadenmodus auch folgender Augenzeugenbericht:

"Nachmittags gegen 3 Uhr (im Augenzeugenbericht steht zwar 2 Uhr, muss aber um 3 Uhr gewesen sein) zog es dunkel-schwefelgelb von Mönkehöfen her über den Berg. Wer genau hinsah, konnte schon von weitem die drehende Bewegung des bevorstehenden Wirbelsturms bemerken. Es sah unheimlich aus. ..."

Zu schweren, Schaden bringenden Gewittern kam es an jenem Tage noch in mehreren Gegenden der Provinzen Hannover und Westfalen:

  • Aus Rieste, ca. 10 km nördlich von Bramsche gelegen, wurde von schwerem, schadenbringendem Hagelschlag berichtet, der sich kurz vor 4 Uhr Nachmittags ereignet hat. Die ursprünglich mit scharfen Enden und Zacken beschriebenen Hagelsteine wogen selbst nach dem Gewitter, dem die Schwüle nicht gewichen war, z. T. noch über 50 g.
  • Bei Neustadt/Rübenberge. Hier wurden besonders die Ortschaften Suderbruch und Stöckendrebber heimgesucht, indem fast die gesamte Ernte vernichtet wurde. Zu einer Panik kam es in Suderbruch wo ein Schützenfestzelt, während des Schützenfestes völlig zerrissen wurde.
  • In Kirchweye bei Bremen wurden gegen 14:00 Uhr während eines schweren Gewitters 3 Menschen von einen durch Blitzschlag ausgelösten Wohnungsbrand getötet.
  • Auch in Werder bei Thedinghausen (zw. Verden u. Bremen) und in Lüdersen (15 km SSW Hannover) haben Gewitter jeweils ein Menschenleben gefordert.
  • In der Umgebung von Hannover verursachten während schwerer Gewitter zahlreiche Hausabbrände. In Pattensen gab es eine Sturzflut, die Grabhügel einriß und Grabsteine fortschwemmte.
  • In Neuenkirchen bei Oldenburg ereignete sich zwischen 15:00 und 16:00 Uhr ein Hagelgewitter mit Hühnereigroßen Schloßen, die wegen des dort fehlenden Sturmes glücklicherweise keinen allzu großen Schaden anrichteten. Nur vereinzelt wurden Fensterscheiben und Getreide zerschlagen (ähnlich wie am 15.06.2002 beim Hagelschlag Wellingholzhausen).
  • Im Bereich Verden a. d. Aller - wobei Verden vom Gewitter kaum berührt wird - richteten schwere Gewitter in den Ortschaften Langwedel, Etelsen und Eissel schwere Schäden an. Durch einen Sturm wurden mehrere beladene Heuwagen umgeworfen und eine Person schwer verletzt.
  • Auch aus dem Raum Mönchengladbach wurden schwere Gewitter mit Hagelschlag gemeldet.

Als sicher nicht vollständiges Resümee des Unwettertags kann festgehalten werden:

Während es in und um Osnabrück keine Todesopfer zu beklagen gab, wurden durch die Gewitter insgesamt mind. 5 Menschen, meistens durch Blitzschlag in Häuser getötet. Zahlreiche Häuser in den damaligen Provinzen Hannover und Westfalen sind infolge Blitzschlages abgebrannt. Es ist daher von einer sehr hohen Frequenz an Wolken-Erde- Blitzen für jenen Tag auszugehen.

Aufgrund der vielen Schadensmeldungen mit sehr schweren Gewittererscheinungen - großer Hagel, Wolkenbrüche, Stürme in Orkanstärke und vielen Blitzeinschlägen - ist zu vermuten, dass die Wetterlage vom 29. Juni 1903 für große Teile Nordwestdeutschlands eine der schadensträchtigsten des gesamten 20. Jahrhunderts überhaupt gewesen ist.

Die Größe der Hagelkörner oder besser Hagelsteine wird von Haselnuss-, über Tauben- Hühner- Entenei bis Faustgröße beschrieben. In der Nachschau war im Osnabrücker Tageblatt vom Montag, den 06. Juli 1903 folgendes zu lesen:
"Über die Größe der Hagelkörner wird uns berichtet, dass eines 600 gr. gewogen habe. Der Durchmesser dieser Eiskugel musste also etwa 11 cm betragen haben. Kugeln von 7-8 cm Durchmesser (etwa 160 gr Gewicht) wurden häufiger beobachtet."

Aufgrund der Beschreibungen erreichte die Intensität des Sturmes an vielen Stellen T3 und damit Windgeschwindigkeiten von über 151 km/h.

Unter diesem Link finden Sie die T- und F- Sturmintensitätsskalen allgemein verständlich erklärt: Link öffnen

Das an einzelnen Stellen sogar T4 (F2) starke Orkanböen erreicht wurden, darauf weisen folgende Berichte hin:
"Mit welcher Gewalt der Sturm brauste, läßt ... die Tatsache erkennen, daß auf dem Hofe der Aktien-Bierbrauerei ein mit etwa 25 Hektoliter Bier beladener Wagen fortgeschoben und halb herumgedreht wurde. Von der Gewalt des Sturmes waren eine Unmenge großer Bäume entwurzelt und wie Strohhalme zur Seite geworfen. Allein die herrliche Lindenallee von Bad Essen bis zum Essener Pflegehause, eine Zierde des Ortes, hat 30 schöne Stämme, darunter treffliche Baumriesen, eingebüßt.
(Osnabrücker Tageblatt, Mittwoch, den 01. Juli 1903)

Neben dem Hagel müssen auch die Regenmengen lokal enorm hoch gewesen sein, wie aus diesen, ebenfalls im Osnabrücker Tageblatt am Mittwoch, den 01. Juli 1903 erschienenen Berichten gefolgert werden kann:
" ... Ganz abgesehen von den zertrümmerten Fensterscheiben sind in mehreren Häusern infolge Eindringens der Regenmassen von oben Zimmerdecken eingestürzt und ganze Warenlager unter Wasser gesetzt, Schädigungen, die u. A. die Firmen Schaumburg & Leimbrock, Max Blank & Co., Hugo Speyer usw. mehr oder weniger zu beklagen haben. Auf die Menge der niedergehenden Eisstücke läßt auch die Tatsache einen Schluß zu, daß beispielsweise aus einer Wohnung an der Jahnstraße nicht weniger als 7 Eimer Schlossen herausgesucht werden mußten. ...
Wie bedeutend die niedergegangenen Regenmengen gewesen sind, hat man bei der Kaprivikaserne zu sehen Gelegenheit. Dort ist das Wasser wie ein reißender Gießbach über die südlichen Böschungsmauern hinweg gestürzt, hat große Löcher in die anliegenden Aecker gewühlt und die Früchte fortgeschwemmt."

Auch gab es an jenem Tage aus Osnabrück eine eindeutige Tornadomeldung, wobei damals noch der alte, allerdings unzweifelhafte Begriff "Meteor" verwendet wurde. Dieser soll gegen 10 ½ Uhr in nördlicher Richtung über Hellern gezogen sein und zwischen der Köln-Mindener und der Hüttenbahn fast sämtliche Pappeln entwurzelt und quer über eine Straße gelegt haben. Da sich vormittags nach den Beschreibungen des Witterungsverlaufs kein Gewitter über Osnabrück ereignet hat, muss entweder die Uhrzeit falsch oder 22:30 abends gemeint sein.

Neben den vielen von Mikrofilmkopien abgeschriebenen Zeitungsberichten zu entnehmenden Schäden drohten als Folgeschäden potentielle Waldbrände, wie z.B. das Osnabrücker Tageblatt vom Freitag, den 3. Juli 1903 berichtet:
"Eine nicht geringe Gefahr droht den Waldungen: Durch das Hagelwetter ist eine Unmenge Laub, Tannennadeln und Äste abgeschlagen, die jetzt dürr am Boden liegen und diesen überall dicht bedeckt. Das kleinste Fünkchen wird jetzt zünden und ein Waldbrand von nie gesehener Ausdehnung würde die unausweichliche Folge sein. Darum ist jetzt besondere Vorsicht dringend geboten."


War dieses Ereignis nun einmalig?

Aufgrund der Schadenshöhe und der Flächenausdehnung war die Hagelkatastrophe vom 29. Juni 1903 für den hiesigen Raum sicher ein ganz herausragendes Ereignis. Selbst im gesamten deutschen Raum hat es im 20 Jahrhundert sicher keine 10 derartig hohe Schäden anrichtende Hagelstürme gegeben.

Schaut man sich aber die Unwetterdatenbank von TorDACH an, muss man feststellen, dass auch im hiesigen Raum alle paar Jahrzehnte schlimme Hagelschläge auftreten. Allerdings werden auch 30- bis 50- jährige Ereignisse viele Menschen gar nicht oder nur einmal in ihrem Leben erleben, da diese ja nicht im gesamten Raum einer Region, sondern nur lokal auftreten.

Interessant bei solchen Ereignissen ist das subjektive Empfinden der Menschen. Auch damals schon wurde zunächst sinngemäß gesagt, dass es im dortigen Raum das schwerste Unwetter dieser Art seit Menschengedenken gewesen sei. Diese Aussage lässt sich ohne weiteres auf die heutige Zeit übertragen. Allerdings war damals die Berichterstattung offenbar fundierter als heutzutage! Während es heute meistens bei dieser oberflächlichen Feststellung bleibt, wurden damals ähnliche, länger zurückliegende Ereignisse näher beleuchtet:

In Rückschauen ergab sich, dass die Stadt Osnabrück selbst am 12. Juli 1842 von einem Hagelschlag, der erheblichen Schaden angerichtet hatte, getroffen wurde. Dieses Unwetter wütete aber kleinflächiger, denn nur im mittleren Teil der Stadt wird von einer großen Anzahl zertrümmerter Fensterscheiben gesprochen. Kurios war die Entstehung dieses Schadengewitters; Zitat aus dem Osnabrücker Tageblatt vom Freitag, den 3. Juli 1903:

"Man wollte wahrgenommen haben, dass gegen 3 1/4 Uhr nachmittags 2 Gewitter, eines von Süden, das andere von Norden kommend, über der Stadt zusammengetroffen sein; das letztere gewann den Sieg und Hagel und Wolkenbruch waren die Folge. Der Wind war aber gering, und so auch der Hagel auf dem schmalen Striche, den er eingenommen, nicht so sehr verderblich. Doch waren z. B. die Fenster der Marienkirche nach dem Markt zu stark mitgenommen, und in dem Hause des Schreibers dieser Zeilen 25 Scheiben zertrümmert. Bei dem weit länger als der Hagel dauernden Platzregen hatten sich in der Stadt große Wassermassen angesammelt, welche die noch mangelhafte Kanalisation nur langsam abführen konnte."

Und nur sieben Jahre später (1849) wurde die Region um Osnabrück von gleich 2 schweren Hagelschlägen innerhalb von drei Tagen heimgesucht, wie aus den Nachrichten für den Kreis Bersenbrück, von Samstag, 11. Juli 1903 zu entnehmen sind: "Ankum, 9. Juli. [Eine Erinnerung.] Für unsere Leser wird es von Interesse sein, zu hören, daß am 29. Mai und am 2. Juni 1849 ein großer Theil unseres Landes vom Hagelwetter heimgesucht wurde. Die damalige königliche Landdrostei erließ einen Aufruf zur Unterstützung der schwer geschädigten, welcher in Nr. 73 der "Osnabr. Anzeigen“ aus dem Jahre 1849 abgedruckt ist. Der Aufruf lautet: Am 29. Mai d. J. wurden Sögel, Ostenwalde, Waldhöve, Spahn, u. Harrenstette, Amt Hümmling, Kl. u. Groß Berssen, Amt Haselünne; ebenso am 2. Juni Münnigbühren, Amt Lingen, Dorf und Bauernschaft Lengerich, Langen Handrup, Andervenne, Amt Freren, die Stadt Fürstenau, Lonne, Lonnerbecke, Bedinghausen, Lütkeberge, Amt Fürstenau, die Kirchspiele Ankum und Alfhausen, Amt Bersenbrück, Dalinghausen, Hördinghausen, Wimmer und Lintorf, Amt Wittlage-Hunteburg von heftigem Hagelschlag heimgesucht, dass deren Feld- und Gartenfrüchte ganz oder theilweise vernichtet sind usw.“

Während am 29. Mai der Hümmling nordöstlich von Meppen betroffen war, müssen demnach am 2. Juni drei verschiedene Hagelunwetter Schäden angerichtet haben: Hier stellen der Bereich im ehemaligen Amt Lingen bis Lengerich östlich Lingen den ersten, der Bereich in den ehemaligen Ämtern Fürstenau und Bersenbrück einschließlich der Orte Ankum und Alfhausen den zweiten (von der Fläche her am größten) und die Orte Hördinghausen, Wimmer und Lintorf am Wiehengebirge den dritten Hagelzug dar.

Und auch aus Münster wird ein vermutlich ähnlich schwerer Hagelschlag, der sich am 29. Juni 1853 ereignet hat, gemeldet.
Aus Münster schreibt der "Westf. M.": "Am Montag Nachmittag ging hier ein schweres Gewitter nieder, von dem unsere Stadt nebst ihrer nächsten Umgebung freilich nur durch schwache Ausläufer betroffen wurde. - "50 Jahre waren am Montag verflossen, seitdem sich in der Peter und Pauls-Nacht ein Unwetter ereignete, wie es in gleicher Stärke die Bewohner Münsters und Umgegend seitdem nicht wieder erlebt haben. So fest haftet die Erinnerung an das Ereignis, daß es jetzt am Jahrestage besprochen wird."

Auch im Jahre 1868 muss es einen schweren Hagelschlag gegeben haben, denn das Osnabrücker Tageblatt vom Mittwoch, den 01. Juli 1903 schreibt: "Wie man uns mitteilt, soll vor 35 Jahren ein ähnliches Unwetter unsere Gegend heimgesucht haben." Leider werden keine näheren Angaben zur Schwere, Zeit und Ort des Ereignisses gemacht.

Aus der Zeit nach 1903 sind noch mindestens drei größere Hagelunwetter aus dem Osnabrücker Raum bekannt:

  • Sommer 1949 bei Bad Essen - Rattinghausen (wenn Sie weitere Informationen zu diesem Ereignis haben, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf
  • In den frühen Morgenstunden des 17. August 1974 im Nordkreis Osnabrück, sowie in den Landkreis Vechta, Diepholz und Cloppenburg gab es ebenfalls sehr schweren Hagelschlag, wie folgende Berichte (Links) beweisen:
    Bericht 1
    Bericht 2
    Bericht 3
  • Das letzte Hagelunwetter ereignete sich erst voriges Jahr in den Morgenstunden des 15.06.2002 im Südkreis Osnabrück und ist ebenfalls auf Skywarn dokumentiert. Hinsichtlich der Schwere, der räumlichen Ausdehnung, der Dauer des Hagelschlages, der Größe der Hagelsteine und der aus allen Faktoren resultierenden Schadenhöhe reicht es aber bei weitem nicht an das Ereignis von 1903 heran.


Damaliger Versuch einer wissenschaftlichen Erklärung

Interessant und aus dem heutigen Erkenntnisstand zum Schmunzeln anregend sind die Erklärungen, die am Montag, den 06. Juli 1903 im Osnabrücker Tageblatt zur Hagel- und Gewitterentstehung gegeben werden: "Das Hagelwetter vom vergangenen Montag kann nach allen eingelaufenden Berichten als in seiner Art typisch angesehen werden. Juni und Juli sind in dieser Hinsicht die für Hagelbildung geeigneten Monate, die ersten Mittagsstunden die gewöhnliche Tageszeit. Weshalb, wird uns die Theorie der Hagelbildung lehren. Ueber die Temperaturverhältnisse konnten wir nichts ermitteln.
Dagegen bieten die Barometer - Aufzeichnungen (selbst registrierender Barometer) des Tagesblattes ein interessantes Bild. Das Barometer stand an jenem verhängnisvollen Montag konstant auf 754,2 mm, um dann 3 Uhr 15 etwa einen plötzlichen vertikalen Sprung auf 756,8 mm zu machen. Es stieg also in der Zeit von einigen Minuten um 2,6 mm. Ebenso schnell fiel es darauf wieder nach Schluß des Unwetters auf 754,6 mm, erreichte folglich ungefähr seinen früheren Stand wieder.

Allzu genau ist man über die Entstehung des Hagels noch nicht unterrichtet. Soviel steht aber fest, dass kalte Luftströme und Elektrizität eine Hauptrolle dabei spielen. Betrachten wir zunächst die Entstehung und Einwirkung der Luftelektrizität. Bekanntlich sendet die Sonne nicht nur Licht und Wärmestrahlen aus, sondern u. A. auch elektrische Strahlen. Diese ionisieren die oberen Luftschichten, d. h. sie trennen die Luftteilchen in solche, die mit positiver, und andere, die mit negativer Elektrizität geladen sind. Letztere haben eine größere Geschwindigkeit und erreichen den Erdboden früher, geben aber der Erde eine negative Ladung. Natürlich suchen sich beide Elektrizitäten zu vereinigen, ist eine gleiche Spannung erreicht, so erfolgt diese Vereinigung als Blitz. Letzteres kommt hier weniger in Betracht. Berücksichtigen wir nur, daß die oberen Luftschichten elektrisch geladen sind.
Der zweite Faktor der Hagelbildung sind die Wärme und die damit zusammenhängenden Luftströmungen. Warme Luft ist imstande, eine bedeutende Menge Wasserdampf zu bergen. Im Juni und Juli ist der Erdboden am stärksten erhitzt, erwärmt die Luft stark, diese kann sich mit Wasserdampf sättigen und steigt empor. Dabei kommt sie manchmal in an und für sich kältere Luftschichten, dann aber erniedrigt sich auch infolge ihrer Ausdehnung ihre eigene Temperatur und es erfolgt eine plötzliche, starke Abkühlung, ja Unterkühlung. Die erkaltete Luft kann den Wasserdampf nicht mehr halten. Dieser beginnt sich zu Bläschen zu kondensieren und nun macht sich noch der Einfluß der Elektrizität geltend. Der elektrische Feldwechsel vereinigt die Bläschen zu Wasserkügelchen. Die Kälte läßt die Tropfen erstarren. Die ständig nachströmende Luft läßt sie schweben, neue Bläschen können sich an ihnen niederschlagen und erstarren, bis schließlich das Eigengewicht zu groß wird, und die ganze Eismasse ihren verheerenden Fall auf den Erdboden beginnt. (v. Buchs Hypothese.) Die konzentrischen Schichten der einzelnen Körner erklären sich so ganz ungezwungen.
Mancherlei ist bei der Hagelbildung noch unerklärbar. Stets tritt der Hagel als lokale Erscheinungsform auf, gewöhnlich als langer, schmaler Strich, doch hat man auch schon zwei parallel laufende Striche beobachtet, deren Zwischenraum völlig verschont bleib.
Mehrere Male wurde in diesen Tagen der Einfluß, den die Abholzung der Wälder hervorrufen sollte, erwähnt. Das stimmt in der Tat, aber nicht für unsere Gegend. Denn unsere ausgezeichnete Forstverwaltung sorgt stets dafür, daß ein bestimmter Teil Wald immer vorhanden bleibt. Wir möchten eher die Industrie dafür verantwortlich machen. Für Bayern z.B. lehrt die Statistik, daß Gewitter- und Hagelschäden parallel der Entwicklung der Industrie gehen. Einmal bilden nämlich die in der Luft schwebenden Rußteilchen einen guten Elektrizitätsleiter. Ferner speichern die Eisenmassen der Maschinen eine bedeutende Menge Elektrizität auf. Dann aber, speziell für unsere Hagelbildung, scheinen winzige Fremdkörper, also Staub und Ruß, den Kern der Hagelkörner abzugeben, um den sich erst das Wasser, bzw. Eis gruppieren kann.
Über die Größe der Hagelkörner wird uns berichtet, daß eines 600 gr. gewogen habe. Der Durchmesser dieser Eiskugel mußte also etwa 11 cm betragen haben. Kugeln von 7-8 cm Durchmesser (etwa 160 gr. Gewicht) wurden häufiger beobachtet. Angenommen, eine solche Eiskugel bilde sich in 500 m Höhe - verlöre unterwegs die Hälfte ihrer Geschwindigkeit, so würde sie auf ihre Unterlage im Moment ihres Auffallens einen Druck von beiläufig 300-400 kg ausüben. Am 7. Juni 1894 fielen in Wien auf jeden qm 1 Zentner Eis. Welchen Druck muß diese Masse im Augenblick des Aufschlagens ausgeübt haben!"


Auswirkungen auf die damalige Landwirtschaft

Aufgrund der Größe und vor allem der hohen Dichte des fallenden Hagels, dessen Wirkung dazu von orkanstarken Winden erheblich verschlimmert wurde, erlitt die Landwirtschaft auf großen Flächen Totalverluste. Bei vielen Obstbäumen und Beerensträuchern waren die Schäden durch Astabschläge und Rindenverletzungen so groß, dass auch in den Folgejahren noch deutliche Ernteverluste die Folge waren. Auch wenn die genaue Flächengröße nicht ermittelt werden konnte, so müssen nach der Ausdehnung des Hagelstrichs viele 1000 ha, möglicherweise sogar mehrere 10.000 ha angenommen werden.

Relativ zu heute haben die Ernteverluste vor hundert Jahren viel schwerer gewogen. Der Anteil der in Landwirtschaft tätigen Menschen war damals viel höher. Zudem bauten viele Arbeiterfamilien Feldfrüchte an, um ihren damals sehr bescheidenen Lebensstandard etwas aufzubessern.

Vor 100 Jahren waren Überproduktionen in der Landwirtschaft noch kein Thema. Damals konnte eine Vernichtung der Ernte in dieser Größenordnung zumindest regional eine Verknappung verschiedener Ernteprodukte bedeuten. Die Berichte in den Zeitungen von befürchtetem Mangel an Viehfutter und möglichen Notverkäufen von Vieh weisen hierauf hin.

Umso bitterer war es, dass bei vielen Feldfrüchten eine nach mehreren Berichten sehr gute Ernte kurz bevorstand. Um noch eine zweite Ernte auf den Feldern zu ermöglichen, wurden diese damals - nach Begutachtung zur Feststellung der Schadenhöhe durch eine Kommission - so schnell wie möglich von den zerschlagenen Pflanzen geräumt und neue Saaten oder Pflanzungen angelegt. Hierzu wurde vielerorts zu Naturalienspende in der Form von Saatgut oder fertigen Pflanzen (z.B. Rübenarten) durch nicht betroffene Betriebe aufgerufen.

So berichtet das Wittlager Kreisblatt (Osnabrücker Landbote) am Montag, den 06. Juli 1903:
"Großer Wert wurde darauf gelegt, schnell geeignetes Pflanzenmaterial zu bekommen. Im Nachbarkreise Diepholz haben sich mehrere Bürger und Landwirte in dankenswerter Weise bereit erklärt, Kohl-, Steckrüben- und Runkelrübenpflanzen unentgeltlich abzugeben. Die erste Sendung, etwa 30 000, ist gestern nach Wittlage abgeschickt. Den Versand leitet Handelsgärtner Beckmann in Diepholz."

Die damals beklagenswerte Situation für die Landwirtschaft wird hier durch folgenden Zeitungsauszug aus dem Osnabrücker Tageblatt vom Mittwoch, den 01. Juli 1903 deutlich:
"... Was aber das Schlimmste ist, in den Gärten und Feldern sind sämtliche Früchte vom Hagel vernichtet. Welch eine Freude war es, unsere herrlichen Fluren zu durchstreifen; das Korn stand überall so üppig, und eine sehr reiche Ernte stand in Aussicht, doch in etwa 10 Minuten ist alles vernichtet, und die einzige Hoffnung des Landmanns ist noch, daß die Kartoffeln, welche gleichfalls sehr gelitten haben, sich noch wieder erholen werden. Der Schaden ist unbeschreiblich, und die Not ist groß. Schon hört man, daß viele Landwirte gezwungen seien, ihren Viehbestand bedeutend zu verringern, weil es an Futter fehle, denn auch der Klee, die jungen Runkel- und Steckrübensaaten und andere Futtermittel sind vollständig zerschlagen. Aber die Not wird erst groß, denn die alten Vorräte sind aufgezehrt und die sehnlichst erwartete Ernte ist dahin. Kein Wunder, wenn bei solch trüber Aussicht in die Zukunft manchen Landmanns Auge naß wird, indem er händeringend sein zertrümmertes Feld überschaut. Doch wir dürfen gewiß die Hoffnung haben, daß den so schwer heimgesuchten hiesigen Gemeinden eine ebenso reichliche Unterstützung zuteil werden wird, wie diese jederzeit anderen Notleidenden erwiesen wurden!"


Beeinflussung des gesellschaftlichen Lebens

Wie stark sich das Ereignis auch auf des gesellschaftliche Leben ausgewirkt hatte, zeigt die Tatsache, dass auch mehr als eine Woche nach dem Unwetter mehrere geplante Veranstaltungen abgesagt wurden. Hier ein Ausschnitt aus dem Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote) von Dienstag, den 07. Juli 1903:

"Aus Anlaß der durch das Unwetter herbeigeführten traurigen Lage der Landwirtschaft sind schon verschiedene geplante Feste aufgehoben. So hat z.B. der Vorstand des landw. Kreisvereins Tecklenburg beschlossen, das für Donnerstag, 9. d. M., zu Lotte angesetzte Kreistierschaufest vorläufig nicht abzuhalten. Verschiedene andere Feste, z. B. das Kreis-Krieger-Verbandsfest in Holzhausen (Kreis Lübbecke) am Sonntag, 5. Juli, das Schützenfest des Altstädter Schützenvereins in Osnabrück am selben Tage und das Schützenfest in Belm am 12. Juli, waren schon in den Vorbereitungen zu weit gediehen, um noch abgesagt werden zu können."

Auch die Politik, und nicht nur die lokale, wurde wie bei Katastrophen üblich, tätig. Der damalige Minister des Inneren, Freiherr von Hammerstein besuchte das Schadengebiet, um sich ein Bild von den Schäden zu machen. Dazu schrieb das Wittlager Kreisblatt (Osnabrücker Landbote) am Montag, den 06. Juli 1903:

"Osnabrück, 6.Juli. [Der Minister des Innern, Freiherr von Hammerstein,] trifft morgen 6 Uhr hier ein, um der Königlichen Regierung einen Besuch abzustatten und gegebenenfalls auch die städtischen Körperschaften kennen zu lernen. Dem Vernehmen nach handelt es sich in erster Linie nach um Informationen, betr. die durch das Unwetter entstandenen Schäden."

Die Nachrichten für den Kreis Bersenbrück, Samstag, 11. Juli 1903 schreiben dazu:
"Ankum, 9. Juli ... Minister Freiherr von Hammerstein ist, vom Assessor v. Malzahn und einem Diener begleitet, gestern Nachmittag 2 Uhr hier eingetroffen und im Hotel Schaumburg abgestiegen. Der Minister fuhr dann bald zur königl. Regierung, wo er auch als Gast des Präsidenten, der ihn am Bahnhofe empfing, das Diner einnahm. Nachmittags fanden verschiedene Konferenzen mit Vertretern der Stadt und des Landkreises bezüglich das Hagelschadens statt. Der Minister ließ sich aufs eingehendste unterrichten und er versprach, zu thun, was irgend möglich sei, um die Folgen des Unglücks überwinden zu helfen. ..."

Auch damals schon gab es Spendenaktionen und Benefizkonzerte, um die Not für die Betroffenen etwas zu lindern. Im ehemaligen Kreis Wittlage wurde im Namen des Kreises ein Spendenaufruf erlassen, der in unter anderem in mehreren Zeitungen abgedruckt wurde. In Osnabrück wurde ein Benifizkonzert "zum Besten der vom Hagel Geschädigten" veranstaltet. Und in Bad Essen wurde am 1. Sonntag nach dem Hagelschlag vom damaligen Pastor Sagebiel eine eindrückliche Predigt zum Hagel-Unwetter gehalten. Den Predigttext gab es damals in Form eines Büchleins für 10 Pf. zu erwerben, dessen gesamter Erlös den "Verhagelten" zugute kam. Klicken Sie die folgenden Grafiken für eine große Ansicht einfach an:

Spendenaufruf Benefizkonzert Predigt

Um noch eine Ernte zu ermöglichen wurde vielfach zum Spenden von Saatgut durch nicht betroffene Betriebe aufgerufen. Der Hofbesitzer H. Boskamp aus Bramsche beispielsweise spendete etwa 7- 8.000 Runkel- und Steckrübenpflanzen.

Über den Hergang damaliger Aktivitäten, um die wirtschaftliche Not für die Betroffenen etwas zu lindern, legt folgender Zeitungsartikel aus dem Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote), vom Montag, den 06. Juli 1903 Zeugnis ab:

"Ueberall aber regen sich auch die Herzen und Hände, um die Not zu lindern. In Osnabrück fand aus diesem Anlaß am letzten Sonnabend im Friedenssaale des Rathauses unter dem Vorsitz des Bürgermeisters Dr. Rißmüller eine Versammlung statt. Erschienen waren Regierungspräsident v. Barnekow mit Mitgliedern der Königl. Regierung, der Landrat des Landkreises Osnabrück, Freiherr v. Wangenheim mit Mitgliedern des Kreisausschusses, der Landrat des Landkreises Wittlage Prinz von Schoenaich-Carolath mit Mitgliedern des Kreisausschusses sowie die Mitglieder der von den städtischen Kollegien gewählten Kommission. Es wurde beschlossen, seitens des Stadt- und Landkreises Osnabrück gemeinsam einen Aufruf in den Zeitungen zu erlassen, mit der Bitte um Zuwendung von Geldbeträgen; da der Kreis Wittlage bereits für sich einen solchen Aufruf erlassen hat, so ist er an diesem Aufruf nicht beteiligt. Zugleich wurde ein Modus vereinbart, nach welchem die aufkommenden Beträge zwischen Stadt- und Landkreis Osnabrück verteilt werden sollen. Man war sich darüber einig, daß nur solche Geschädigte für Unterstützungen in betracht kommen, die sich aus eigenen Mitteln nicht helfen können. Wie diese Geschädigten ermittelt werden sollen, ist Sache des einzelnen Kreises; die Stadt Osnabrück ist bereits mit einer öffentlichen Aufforderung an die in betracht kommenden Geschädigten vorgegangen. Sobald sich die Höhe des Schadens genauer übersehen läßt, soll mit Anträgen an die Staatsverwaltung und die Provinz herangetreten werden. Großer Wert wurde darauf gelegt, schnell geeignetes Pflanzenmaterial zu bekommen. Im Nachbarkreise Diepholz haben sich mehrere Bürger und Landwirte in dankenswerter Weise bereit erklärt, Kohl-, Steckrüben- und Runkelrübenpflanzen unentgeltlich abzugeben. Die erste Sendung, etwa 30 000, ist gestern nach Wittlage abgeschickt. Den Versand leitet Handelsgärtner Beckmann in Diepholz.
In Fürstenau, im Nachbarkreise Bersenbrück hatte am letzten Sonntag der dortige landw. Verein eine Exkursion nach der benachbarten Gemeine Höne unternommen. Im Verlaufe der nachfolgenden Versammlung wies Herr Lehrer Holtkamp-Settrup darauf hin, wie sehr das bei dieser Exkursion gesehene, insbesondere der gute Stand der Früchte alle Teilnehmer mit Recht voll befriedigt habe; ganz anders sehe es aber in manchen anderen Gegenden, namentlich im Kreise Wittlage aus. Auch hier würden heute Besichtigungen in Feld und Flur vorgenommen, aber beim Anblick der völlig verhagelten Früchte könne man dort nur traurige Gesichter erblicken; "denn die meiste Arbeit dieser Landleute ist für dieses Jahr umsonst gewesen, ihnen ist Hab und Gut durch ein schreckliches Wetter vernichtet worden. Ein solch trauriges Bild hätte sich uns heute auch darbieten können, wenn die schwarzen Gewitterwolken am letzten Montage sich in entladen hätten." Redner ermahnte nun zur Mithülfe der bedrängten Landsleute im Kreise Wittlage und machte der Versammlung den Vorschlag, eine kleine Sammlung für die Geschädigten sogleich vorzunehmen. Da die Anwesenden mit dem Vorschlage einverstanden waren, wurde die Sammlung vorgenommen, und sie brachte den schönen Betrag von 22,50 M, welche Summe am anderen Tage dem Landrat des Kreises Wittlage gesandt werden soll.
Auch die Geschäftsstelle des "Wittlager Kreisblatt" hat sich dazu entschlossen, eine öffentliche Sammelstelle für die Verhagelten zu errichten, Geldbeträge, die sie aus dem weiten Leserkreis erbittet, entgegenzunehmen, auf Wunsch öffentlich im Blatt den Eingang zu bescheinigen und die Beträge an die Kreiskommunalkasse hierselbst abzuführen. Damit in dieser Beziehung umsomehr Erfolg erzielt werde, ist auch die vortreffliche Predigt, welche Herrn Pastor prim. Sagebiel in der hiesigen Kirche am Sonntag hielt, im Druck erschienen und der Gesamtauflage der heutigen Nummer dieser Zeitung beigefügt. Außerdem ist dieselbe in Buchform zum Preise von 10 Pf erschienen. Der Gesamt-Erlös ist für die Verhagelten bestimmt. Hoffentlich finden sich recht viele mildtätige Herzen!"

Auch wurde eine Kommission zur Feststellung der Schadenshöhe und Klärung der Entschädigung einzelner Betroffener gegründet. Die lange Debatte, die geführt wurde, um diese mit 10.000 Mark auszustatten zeigt, wie hoch der durch das Unwetter angerichtete Schaden für damalige Verhältnisse war. Da diese Debatte ein wichtiges historisches Dokument darstellt; hier eine weitere wörtliche Abschrift aus dem Osnabrücker Tageblatt, Donnerstag, den 2. Juli 1903:

"Osnabrück, den 2. Juli. Die städtischen Kollegien beschäftigten sich in ihrer gestrigen Sitzung im wesentlichen mit einer Beratung über die Maßnahmen, die zur Linderung der durch das Hagelwetter entstandenen Schäden getroffen werden sollen. Bürgermeister Dr. Rißmüller führte zu diesem Gegenstand Folgendes aus:
Meine Herren! Wir stehen alle noch unter dem Eindruck des Hagels, der am Montag Nachmittag über unsere Stadt niedergegangen ist. Menschenleben sind Gott sei Dank nicht zu beklagen, aber der Materialschaden ist enorm. Es handelt sich nicht nur um Schäden an Gebäuden, also um Fensterzertrümmerungen, eingestürzte Decken, Keller- Ueberschwemmungen, sondern namentlich darum, daß durch das Hagelwetter in den Gärten und auf den Feldern kolossale Verwüstungen angerichtet worden sind. Ich glaube nicht zu viel zu sagen, wenn ich behaupte, die Ernte fast gänzlich verwüstet worden ist.
Ich habe sofort Ermittelungen eingeleitet, um ungefähr den Umfang des Schadens feststellen zu lassen, und glaube, daß ich in der Lage sein werden, Ihnen das gesammelte Material bis nächsten Freitag vorzulegen. Ich bin nun aber der Ansicht, daß wir es nicht bei der Feststellung des Schadens bewenden lassen können, sondern dass wir bei dem Unheil, welches unsere Stadt und die umliegenden Kreise heimgesucht hat, werktätig Hülfe leisten müssen, und ich glaube deshalb in ihrer aller Sinne gehandelt zu haben, wenn ich diesen Gegenstand auf die Tagesordnung der heutigen Sitzung gebracht habe.
Wenn ich sagte, es muß werktätige Hülfe geleistet werden, so möchte ich dabei aber eins ausdrücklich betonen: Nach meiner Überzeugung muß zunächst die Selbsthülfe einsetzen. Alle, welche sich aus eigenen Mitteln helfen können, würden nach meiner Meinung für uns auszuscheiden haben, sie müssen aus ihren eigenen Mitteln den Schaden wieder wett zu machen suchen. Ich betone das ausdrücklich, damit nicht Hoffnungen durch die heutige Beratung und Beschlußfassung erweckt werden, die wir später zu erfüllen wir nicht in der Lage sind, daß würde nur umso schmerzlicher berühren. Der Schaden ist groß, und mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, können wir den ganzen Schaden nicht begleichen, sondern sie müssen nach meiner Ueberzeugung und nach der Ueberzeugung des Magistrats dazu verwendet werden, dem wirklich Notleidenden, dem kleinen Mann, der sich nicht helfen kann, der nicht die nötigen Barmittel und nicht den genügenden Kredit hat, in seiner Not zu Hülfe zu kommen. Das ist die Auffassung des Magistrats.
Ich habe bereits den maßgebenden Stellen, so dem Herrn Minister, dem Herrn Oberpräsidenten, dem Herrn Regierungspräsidenten entsprechende Mitteilungen gemacht und bin auch mit dem Herrn Landrat Freiherrn von Wangenheim in Verbindung getreten. Von dem Herrn Oberpräsidenten ist mir darauf heute Mittag die folgende Depesche zugegangen: "Danke verbindlichst für das Telegramm vom gestrigen Tage und spreche der Stadt Osnabrück über das betroffene Missgeschick mein herzlichstes Beileid aus. Der Herr Regierungspräsident dort ist telegraphisch zum Bericht über die Höhe des verursachten Schadens aufgefordert worden."
Ich bin nun ferner der Ansicht, daß zur Zeit von einer akuten Not noch nicht die Rede sein kann; die akute oder wirkliche Not wird erst einsetzen, wenn die Futtermittel knapp und die Leute vielleicht gezwungen werden, ihr Vieh teilweise abzuschaffen, weil sie nicht die nötigen Futtermittel zur Verfügung haben. Die Not in ihrem ganzen Umfange wird sich also erst später recht fühlbar machen. Trotzdem liegen nach meinem Gefühl schon jetzt zwei Gründe vor, die uns nahelegen sollten, möglichst schnell helfend einzugreifen. Der eine Grund ist der: Verschiedene kleine Familien haben an ihren Wohnhäusern, in den Kellern, an den Decken usw. empfindlichen Schaden gehabt, den sie aus eigenen Mitteln zu reparieren nicht in der Lage sind. Diesen Leuten muß bald geholfen werden. Ferner glaube ich als Grund zur Beschleunigung anführen zu müssen, dass es sich vor Allem auch darum handelt, möglichst bald geeignetes Pflanzenmaterial zu beschaffen, um die verwüsteten Felder, nachdem sie umgegraben sind, mit solchen Pflanzen zu bestellen, die noch in diesem Jahre einigermaßen eine Ernte erwarten lassen. Aus diesen beiden Gründen erscheint es mir unerlässlich, das Mittel zur Unterstützung schon bald bereit stehen.
Nach stattgehabten Verhandlungen mit den bezeichneten Stellen schlage ich deshalb vor: Zunächst eine Kommission zu bilden aus vier oder mehr Mitgliedern des Magistrats und derselben Zahl Mitglieder des Bürgervorsteherkollegiums und dieser Kommission das Recht der Zuwahl zu geben. Die Zuwahl müßte sich erstrecken namentlich auf sachverständige Landwirte und Gärtner, die uns bei der Ermittelung des Schadens und bei Unterverteilung der Unterstützungen Hülfe leisten können. Heute Abend noch könnte die eingesetzte Kommission über die einzuschlagenden Schritte beraten und Personen zuwählen, damit wir schon morgen Nachmittag eine völlige Kommissionssitzung abhalten können. Indeß, eine Kommission ohne Mittel erscheint mir namentlich in dem vorliegenden Fall wie ein General ohne Armee. Wenn wir eine Kommission einsetzen und sagen ihr: Nun beratet, so ist damit nichts genützt. Der Kommission müssen also Mittel zur Verfügung gestellt werden aus den angegebenen Gründen, nämlich wegen baldiger Beschaffung des Pflanzenmaterials und mit Rücksicht auf die notwendigen Reparaturen, die aus den eigenen Mitteln der Geschädigten nicht beschritten werden können. Deshalb schlägt ihnen der Magistrat vor: Der Kommission einen Kredit zur Verfügung zu stellen und zwar zunächst aus der Kämmereikasse. Ob die Kämmereikasse dauernd diese Ausgaben tragen soll, darüber wird jetzt noch nicht zu befinden sein. Entweder kann die Ausgabe wieder ausgeglichen werden aus dem Ertrage der öffentlichen Sammlung, die veranstaltet werden soll, oder wenn das nicht möglich ist, wird man sich zweckmäßig an den Provinzialverband zu wenden haben, um ein Darlehen von der Provinz zinslos und auf Amortisation zu bekommen. Ich bin der Ueberzeugung - und in dieser Ueberzeugung bestärkt mich das Telegramm des Herrn Oberpräsidenten - daß die Provinz nicht zurückstehen und uns ein solches Darlehen zinslos auf Amortisation geben wird, aus dem wir Unterstützungen gewähren können. Was die Höhe des Vorschusses betrifft, so ist der Magistrat der Ansicht, daß die städtischen Kollegien zunächst 10 000 M. bewilligen möchten. Ich sehe zwar aus den bedenklichen Gesichtern der Herren Bürgervorsteher, daß ihnen dieser Betrag etwas hoch erscheinen mag; aber wenn wir wirklich tatkräftig und helfend eingreifen wollen, dürfen wir die Summe nicht niedriger bemessen, sonst bedeutet unser Vorgehen nur einen Schlag ins Wasser. Der Antrag des Magistrats gehrt also dahin, eine Kommission mit dem Rechte der Zuwahl einzusetzen und ihr zur Verwendung bis zu 10 000 M. zur Verfügung zu stellen.
Die weitere Frage, ab ob wir uns auch an die öffentliche Mildtätigkeit wenden sollen, hat der Magistrat ebenfalls bejaht, von dem Gedanken ausgehend, daß die bekannte Wohltätigkeit in Osnabrück bei solch allgemeinem Unglück nicht versagen und eine Sammlung hoffentlich guten Erfolg haben wird. In welcher Weise der Aufruf zu geschehen hat und auf welche Kreise sich die Sammlung beschränken soll, wie die Verteilung der aufgesammelten Mittel gedacht ist, wird man zweckmäßig der Bestimmung durch die Kommission überlassen müssen.
Aber ich mache keinen Hehl daraus: Es liegt vielleicht der Gedanke nahe, daß diese Sammlung sich nur erstrecken solle auf die Stadt Osnabrück und die aufgebrachten Mittel auch nur an Osnabrücker Einwohner zur Verteilung kommen sollen. Ich gebe zu, der Gedanke liegt nahe, aber ich glaube, das dürfen wir nicht tun. Ich bin vielmehr der Ansicht, daß wir in diesem Falle eines allgemeinen Unglücks mit dem Landkreis zusammengehen müssen. Man würde uns nicht verstehen, wollten wir einen Aufruf erlassen für die Stadt Osnabrück und zu gleicher Zeit erschiene ein Aufruf des Landrats für den Landkreis. Ich bitte ferner zu erwägen: Wollten wir in dieser einseitigen und egoistischen Weise vorgehen, so glaube ich, wird schwerlich auf eine Unterstützung seitens der Provinz zu rechnen sein. Die Provinz würde vielmehr sagen: Wollt ihr in dieser Weise Eure Wohltätigkeit abz??ein, so werden wir das auch tun und die Stadt sich selbst überlassen. Ich stelle deshalb den Antrag, den Aufruf mit dem Landkreis zu erlassen, die Mittel auf diese Weise gemeinschaftlich aufzubringen und die Umverteilung der Kommission zu überlassen.
Redner macht dann Mitteilung von der am nächsten Sonnabend im Friedenssaale stattfindenden Sitzung der erweiterten Kommission, an welcher neben den Vertretern der Behörden auch Interessenten aus dem Landkreise teilnehmen werden, um folgendermaßen zu schließen: Noch zweierlei möchte ich erwähnen, daß man nämlich erstens den wirklich Notleidenden, soweit sie Pächter von Ländereien der Stadt resp. der evangelischen Fonds sind, eventuell mit einem Pachterlaß entgegenkommen und daß man ferner den wirklich Notleidenden auch eine Stundung der fälligen Kommunalsteuern gewähren könnte. In der Magistratssitzung wurde auch von einer Seite angeregt, sich an die Militärbehörde zu wenden, um Hülfskräfte zur schleunigen Wiederherstellung der Aecker zu bekommen. Ich zweifle nicht, daß bei einem Ansuchern durch den Oberst des Regiments der kommandierende General dieser Bitte, soweit möglich, entgegen kommen wird. Ich bitte deshalb, der Kommission zunächst einen Betrag von 10 000 M. zu eröffnen - diesen allerdings nur für die Stadt Osnabrück - und ich bitte die Kollegien ferner, sich wegen des Aufrufs und der sonst noch zu unternehmenden Schritte zu äußern.

Wortführer Schemmann: Die Ansicht des Magistrats, daß den Notleidenden sofort beigesprungen werden muß, wird vom Bürgervorsteherkollegium geteilt. Ob 5 oder 10 000 M. erforderlich sind, wird noch näher festzustellen sein. Ich bin überzeugt, es wird keiner der Herren Bürgervorsteher dagegen sein, die notwendige Summe zu bewilligen. Die näheren Einzelheiten festzustellen, müßte zweckmäßig der Kommission überlassen werden.
B.? B.? Merkel: Ich bin der Ansicht, daß wir hier über den Gegenstand eine größere Debatte nicht eröffnen können, weil wir noch keine näheren Anhaltspunkte haben. Der vom Magistrat eingeschlagene Weg scheint mir aber der richtige zu sein, deshalb stimme ich dem Gesagten ohne weiteres zu.
B.? B.? Wilkiens: Ich schließe mich dem an; ich glaube, die Sache ist richtig angefaßt und Alles geschehen, was bis jetzt geschehen konnte. Auf Anfrage des Bürgermeisters Dr. Rißmüller, der ein Zusammengehen mit dem Landkreis aus sozialpolitischen wie realpolitischen Gründen für zweckmäßig hält, erklären sich die Kollegien auch mit diesem Vorschlage einstimmig einverstanden.
Senator Dr. Haarmann: Auch ich möchte die Debatte nicht weiter in die Länge ziehen, ich freue mich aber, daß solche Einmütigkeit herrscht und möchte nur noch meinerseits betonen, daß vor allem bei der Hülfeleistung nur die kleinen Leute in Frage kommen können, alle anderen aber, die sich selbst helfen können, Selbsthülfe über müssen. Ich denke dabei auch an die Unterstützung durch die größeren Werke. Ich bin selbst hinausgefahren zum Piesberg und habe mich überzeugt, wie fürchterlich das Unwetter gewütet hat. Die Eversheide ist zwar zum größten Teil verschont geblieben, aber ich habe angeordnet, daß seitens des Georgs-Marien-Bergwerks- und Hütten-Vereins der Schaden für die Arbeiter der Kolonie übernommen wird.
In der Stadt kommen nach meiner Ansicht im wesentlichen in Betracht die kleineren Gärtner und diejenigen Leute, die nach des Tages Last mit Frau und Kind noch ihre Gärten bestellen, denen Alles ruiniert ist und denen in erster Linie Hülfe gebracht werden muß. Ich glaube, wenn wir die Sache richtig anfassen - und daran zweifle ich nicht nach dem energischen Vorgehen von Seiten des Herrn Bürgermeisters - so werden wir bald zum Ziel kommen können, denn schnelle Hülfe ist doppelte Hülfe. Man soll in solchem Falle nichts unterlassen, deshalb muß der Aufruf gemeinschaftlich erlassen werden; Stadt und Land müssen zusammengehen, das Unwetter hat für die Stadt und die Landgemeinden denselben Schaden gebracht. Nach meiner Ansicht dürfen wir nicht nur mit dem Landkreise Osnabrück, sondern wir sollten auch mit dem Kreis Wittlage zusammengehen.
Es erfolgte dann die Wahl der Kommission, welcher vom Magistrat Bürgermeister Dr. Rißmüller, die Senatoren Jahrmann, Dr. Schücking, Böhr und Enners, ferner Wortführer Schemmann und die Bürgervorsteher Dieckriede, Merkel, Freund, Piepmeyer und Wilkiens angehören. Der Kommission, die nach Erledigung der Tagesordnung gleich zu einer Sitzung zusammentrat, bewilligten die Kollegien einstimmig einen Kredit bis zu 10 000 M."

Auch Sonderverkäufe aufgrund Hagel- und Wasserschäden in Warenlagern wurden annonciert, eine günstige Gelegenheit für die Schnäppchenjäger, die es auch damals schon gab. Und Versuche, aus einer besonderen Situation heraus Kapital zu schlagen, gab es schon damals, wie folgendes Beispiel einer Hagelversiceherung zeigt (was von den öffentlichen Stellen nach den Schlussfolgerungen zum Hagelunwetter für die Landwirtschaft auch angeraten wurde):

Wasserschaden Hagelversicherung

Auf unehrliche Weise, wie diese wörtliche Abschrift aus dem Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote) von Dienstag, den 07. Juli 1903 zeigt: "Gestern waren mehrere auswärtige Viehhändler hier und gedachten die Not der vom Unwetter heimgesuchten Leute zu ihrem Nutzen zu verwenden. Für Vieh, welches einen reellen Wert von 270-300 M hatte, mochten selbige wohl 120 M bieten. Selbstverständlich wurden die wackeren Händler vom Hofe gewiesen, da die Einwohner hier doch etwas heller sind. Wie verlautet, soll ein Besitzer sogar mit einem Knüppel dahinter gewesen sein, als ihm für sein Vieh ein so schäbiges Gebot gemacht wurde."

Zu guter Letzt möchten wir Ihnen an dieser Stelle noch drei ausgewählte Briefe zeigen. Die Briefe stammen aus dem Pfarramt Lintorf und beinhalten Geldüberweisungen (Spenden) an den damaligen Pastor Heintze. Die Briefe geben ansatzweise wieder, welche Not damals geherrscht hat und wie stark die Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung und anderen Gemeinden damals ausgeprägt war. Da die Briefe noch in Altdeutscher Schrift verfasst wurden, haben wir die Briefe übersetzen lassen.

Brief #1 Brief #2 Brief #3


Schlußwort, Danksagung, zitierte und oder verwendete Quellen:

Damit wären wir auch am Ende der Dokumentation zu diesem denkwürdigen Ereignis angekommen. Wir hoffen, dass Ihnen der Ausflug in die Vergangenheit ebenso viele spannende Stunden bereitet hat, wie uns. Die Erstellung dieser Dokumentation verschlang kaum noch zu zählende Stunden, Telefonanrufe, Briefschreiben, Meetings und Analysen - und das alles auf ehrenamtlicher Basis. Darunter hat dann auch manchmal das private Leben etwas gelitten. An dieser Stelle geht daher der erste Dank an unsere Familien und Partner - ihr habt es überstanden (zumindest für diese Dokumentation ;-)

Aber natürlich möchten wir auch all den anderen Personen, Verlagen und Firmen danken, die einen Teil zu dieser Dokumenation beigesteuert haben. Namentlich wäre dies vor allem (Reihenfolge ohne Bedeutung):

Peter Kuklok (Basiserstellung der Schadenskarte), Matthias Habel, Diana Spies und Manfred Hoffmann (Übersetzung der Briefe), Verlag H. Th. Wenner (Osnabrück), Neue Osnabrücker Zeitung, den Mitarbeitern des Pfarramt Lintorf, Niedersächsisches Staatsarchiv, Frank Henrichvark (Redakteur NOZ), Matthias Jaenike und jeden, der wir vergessen haben sollten, an dieser Stelle zu erwähnen.

Es folgt die Quellenangabe. Bei aller Gründlichkeit kann es leider nicht vollkommen ausgeschlossen werden, dass wir Material verwendet haben, wo das Urheberrecht verletzt wurde. Haben Sie so einen Fall entdeckt, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf.

  • Kühling, Karl: Osnabrück. Altstadt um die Jahrhundertwende. Erinnerungen und Erlebnisberichte.
    Osnabrück, H. Th. Wenner, 1983. 148 S. m. zahlr. Abb. Illustr. Einband. Preis: 6.50 EUR
  • 1150 Jahre Wallenhorst. Menschen, Natur und Geschichte. Eine Chronik, herausgegeben von der Gemeinde Wallenhorst, 2001. Gesamtherstellung Druck- u. Verlaghaus Fromm GmbH & Co.KG Osnabrück, 886 S.
  • Die Gemeinde Bad Essen in Vergangenheit und Gegenwart. Gemeinde Bad Essen. Meinders & Eltermann, OS, 1975, 212 S.
  • Bad Essen Band I Ein historischer Bildband über Alt-Bad-Essen.
    Herausgegeben vom Kunst- und Museumskreis Bad Essen e.V. 2. Auflage, 64 Seiten.
  • Geschichte der Wehrendorfer Schule von ihrem Bestehen bis auf die jetzige Zeit.
    Naturschutz- und Verschönerungsverein Wehrendorf e. V. Druckerei Rasch, Bramsche, 1991, 84 S.
  • Osnabrücker Tageblatt, Dienstag, den 30. Juni 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Mittwoch, den 01. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Donnerstag, den 2. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Freitag, den 3. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Montag, den 06. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Sonnabend, den 11. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Donnerstag, den 16. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Freitag, den 17. Juli 1903
  • Osnabrücker Tageblatt, Montag, den 27. Juli 1903
  • Osnabrücker Volkszeitung, Dienstag, 30. Juni 1903
  • Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote), Dienstag, den 30. Juni 1903
  • Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote), Donnerstag, den 02. Juli 1903
  • Wittlager Kreisblatt (Osnabrücker Landbote), Montag, den 06. Juli 1903
  • Wittlager Kreisblatt, (Osnabrücker Landbote), Dienstag, den 07. Juli 1903
  • Bramscher Nachrichten, Donnerstag, den 02. Juli 1903
  • Bramscher Nachrichten, Samstag, den 04. Juli 1903
  • Nachrichten für den Kreis Bersenbrück, Samstag, 04. Juli 1903
  • Nachrichten für den Kreis Bersenbrück, Samstag, 11. Juli 1903
  • Iburger Kreisblatt, Dienstag, den 07. Juli 1903
  • Artländer Anzeiger, Donnerstag, den 02. Juli 1903
  • Bentheimer Zeitung, Mittwoch, den 01. Juli 1903



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