Die Superzelle vom 21. Juli 2003 im Münster- und Osnabrücker LandVon Sven Lüke![]()
Erste schwere Schäden von dieser Zelle wurden aus Vreden gemeldet, zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Zelle bereits stark intensiviert. Schwere Sturmböen sowie ein Downburst entwurzelten hier zahlreiche Bäume. Jungpfadfinder in einem Zeltlager konnten sich noch in letzter Minute vor dem hereinbrechenden Unwetter in einer Turnhalle in Sicherheit bringen, bevor mehrere Bäume auf die Zelte stürzten. Rund 6 km weiter östlich in Ottenstein konnte ein Augenzeuge beobachten, wie sich aus dem anfangs grünlich gefärbten Himmel später aus einer Wolke heraus ein Rüssel bildete, ohne jedoch den Erdboden zu erreichen (Quelle: Günther Hamm, DWD). Nach kurzer Zeit hatte sich dieser Funnel (die Bezeichnung für einen kleinräumigen Wirbel, der keinen Bodenkontakt hat) dann wieder aufgelöst. Bei der Bauernschaft Gemen im Landkreis Borken traf die Superzelle dann gegen 18.30 Uhr auf die aus dem Ruhrgebiet hochziehende Zelle, die Ruhrgebietszelle wurde dabei von der Superzelle komplett aufgesogen. Dieser Vorgang wurde von sehr starken Sturmböen, heftigen Platzregen, Hagelschlag und sogar einem Tornado begleitet. Zum Glück war das Gebiet nur dünn besiedelt, so dass es überwiegend nur zu Schäden an Bäumen kam, lediglich vereinzelt wurden auch Häuser in Mitleidenschaft gezogen. Die Zugbahn des Tornados fiel genau mit dem Verlauf einer kleinen Straße zusammen, so dass zahlreiche entwurzelte und abgeknickte Bäume die Straße blockiert hatten. Da die blockierte Straße direkt nach dem Unwetter verständlicherweise wieder freigeräumt werden musste, gab es am nächsten Tag keine Möglichkeit mehr für mich, an Hand der Fallrichtungen der Bäume und der abgebrochenen Äste eine genauere Analyse des Tornados durchzuführen. Trotz der dünn besiedelten Gegend gab es ein paar Augenzeugen. So konnte Herr Wermer vom gleichnamigen Hofe beobachten, wie es sich zuerst "von allen Seiten sehr rasch zugezogen hatte". Wenig später konnte er dann beobachten, wie Unmengen an Laub, Ästen und Staub mit lautem Getöse und Brausen spiralförmig hochgerissen wurden. Die direkte Sicht auf den Tornado war allerdings durch ein Haus versperrt. Außerdem musste der Augenzeuge sich dann auch in Sicherheit bringen, als ein großer Ahornbaum am Straßenrand mitsamt dem Wurzelballen "ausgehebelt" wurde und sich dann aufs Dach vom Werksschuppen legte. Dabei wurden einige Dachpfannen beschädigt sowie ein Bildstock zerstört. Nach wenigen Minuten war das Schauspiel dann auch schon vorbei. Zurück blieb ein mehrere Zentimeter hohes Getümmel an Blättern, Ästen und Dreck, das den ganzen Hof bedeckte. Die Zugbahn des Tornados war insgesamt knapp 700 m lang und sehr schmal, überwiegend lag die Breite der Schneise bei etwa 25 m. Die Schneise war wie mit einem Rasiermesser gezogen, unmittelbar angrenzende Häuser und Bäume blieben völlig unberührt. Auch das nur wenige Meter vom Straßenrand entfernt liegende Wohnhaus des Augenzeugen, welches sonst laut seinen Aussagen bei jedem Herbst- oder Wintersturm ein paar Dachpfannen verliert, hat diesmal nichts abbekommen. Glück im Unglück hatte auch ein weiterer Anwohner in dieser Straße, als ein entwurzelter Baum das Wohnhaus knapp verfehlt hatte und auf einen direkt angebauten Vorbau stürzte und diesen nicht unerheblich beschädigt hatte. Die Zugbahn des Tornados war auch deutlich an einem Maisfeld zu erkennen, welches an der betroffenen Straße angrenzte. Hier wurden die Maispflanzen durch den Tornado fein säuberlich auf den Erdboden geknickt. Die Stärke des Tornados ist an Hand der beobachteten Schäden im Bereich von F1/T3 anzusiedeln. Bildergalerie: Tornadoschäden in der Bauernschaft Gemen
Die Superzelle zog dann in Begleitung von Starkregen, Hagelschlag und Sturmböen weiter Richtung Landkreis Steinfurt und hat dort vor allem in Emsdetten und Saerbeck Schäden hinterlassen. Sturmschäden waren hier nur sekundäre Schadensmerkmale, die größten Schäden wurden hier durch Hagelschlag und Überschwemmungen ausgelöst. So hat der Hagelschlag mit bis zu 5 cm großen Hagelkörnern vor allem an Maisfeldern Schäden hinterlassen. Ebenso wurden auch Scheiben von Gewächshäusern beschädigt, Jalousien und Schutzblenden von Häusern durchlöchert und PKWs leicht verbeult. Der Hagel fiel bei Saerbeck in solchen Massen, dass er sich an einigen Stellen bis zu 10 cm hoch türmte und selbst ein Tag später noch Reste vorhanden waren. Abgeschlagene Blätter sowie angeschwemmte Hagelmassen verstopften die Abflusssysteme der Kanalisation, so dass viele Straßen bis zu 25 cm hoch unter Wasser standen und Keller vollgelaufen waren. Die gemessenen Regenmengen waren teilweise beachtlich, so hat die private Wetterstation von Daniel Hellwig in Emsdetten rund 18.7 l/m² im 20 Minuten gemessen. Aus Steinfurt-Burgsteinfurt meldete der DWD eine Gesamtniederschlagsmenge von 57 l/m², in Mettingen hat die private Wetterstation von Andre Hergemöller innerhalb von 2 Minuten 4.7 l/m² registriert. Bildergalerie: Sturmböen und Überschwemmungen bei Emsdetten
Mittlerweile hatte die Gewitterzelle, was die Stärke angeht, ihren Zenit überschritten und zog leicht abschwächend weiter Richtung Landkreis Osnabrück. Trotzdem besaß sie noch genügend Power für ein eindruckvolles Naturschauspiel im Gebiet der A30 zwischen Osnabrück und Ibbenbüren sowie der A1 zwischen Lotte und Osnabrück-Hafen. Zahlreiche Augenzeugen konnten beobachten, wie riesige weiße Vorhänge über die Landschaft wehten, die Superzelle produzierte noch immer fleißig Hagel. Für die Autofahrer auf den Straßen und Autobahnen kam dieses Ereignis völlig überraschend. Die bis zu 3 cm großen Hagelkörner vielen in großer Dichte, die Sichtweite ging rapide zurück. Viele Autofahrer reagierten angesichts der Szenerie in Panik, bremsten stark ab, es kam zu vereinzelten Auffahrunfällen. Für wenige Minuten brach der Verkehr vereinzelt zusammen. Von dem Hagelschlag war der nördliche Stadtteil von Osnabrück sowie die nördlich angrenzenden Gemeinden betroffen. In der Stadtmitte und im südlichen Landkreis saßen die Menschen in den Eiscafes und hatten von alle dem nichts mitbekommen. Bildergalerie: Hagelschauer bei Osnabrück
Die Zelle zog im weiteren Verlauf noch weiter Richtung Dümmer See und erreichte gegen 22.00 Uhr die Gegend nördlich vom Steinhuder Meer. Seit sechs Stunden war die Gewitterzelle unterwegs und hat dabei eine Strecke von rund 250 km zurückgelegt. Auch hier traten immer wieder Schäden durch Hagel und Sturmböen auf. So konnte Martin Hubrig während der Waldzustandserhebung 2003 Hagel- und T1-Sturmschäden in Astrup (zwischen Vörden und Damme) sowie zwischen Drebber und Rheden (nähe Diepholz) beobachten. Am späten Abend sowie in der folgenden Nacht zogen noch einige weitere Gewitterzellen über das Münsterland und dem südlichen Niedersachsen hinweg und haben den Menschen eine unruhige Nacht bereitet. Auch hier gab es vereinzelte Schäden durch Hagel und Sturmböen, weitaus schlimmer waren aber eine große Anzahl positiver Wolke-Erde Blitze. Die Blitzrate im allgemeinen war sehr hoch, zeitweise konnte man schon ein nahezu stetiges Dauerflackern beobachten. Gegen 1.00 Uhr kam es bei einem starken Gewitter in Wallenhorst (nördlich von Osnabrück) zu einem totalen Stromausfall. Gegen 2.30 Uhr sorgte ein weiteres Gewitter im südlichen Landkreis Osnabrück für Unruhe. Vor allem im Großraum von Melle haben ungewöhnlich viele positive Wolken-Erde Blitze Schäden hinterlassen. In Wellingholzhausen schlug der Blitz in ein Einfamilienhaus einer Wohnsiedlung ein. Fast alle Stromkabel wurden dabei verschmort sowie ein Großteil der angeschlossenen elektrischen Geräte zerstört. Der Blitz konnte dann auf das Telefonnetz übergreifen und hat dutzende Telefone, Telefonanlagen und NTBAs in der Wohnsiedlung beschädigt. Zusammen mit den Schäden am Telefonnetz durch die Gewitter der vorangegangen Tage und Wochen in NRW und NDS kam es laut Auskunft der Deutschen Telekom zu erheblich Lieferschwierigkeiten bei der weit verbreiteten Telefonlage "Eumex 504", teilweise mussten die Kunden bis zu 6 Wochen auf eine neue Telefonanlage warten. Desweiteren wurden auch ungewöhnlich viele Brennsteuerungen von Heizungen außer Gefecht gesetzt, das Duschwasser musste dann am folgenden morgen kalt genossen werden. Möglicherweise hat der EMP (elektromagnetischer Impuls) diese Störungen verursacht, denn andere elektronischen Geräte in den betroffenen Haushalten hatten keine Fehlfunktionen. Bildergalerie: Nächtliche Gewitter um Osnabrück
Damit wären wir auch am Ende der Dokumentation angekommen. Ich hoffe, sie hat Ihnen gefallen und würde mich freuen, wenn Sie abschließend noch eine Bewertung abgeben würden (unten rechts). Falls Sie noch weitere Informationen, Bilder oder Videos von diesem Ereignis haben, würde ich mich sehr über eine Kontaktaufnahme freuen. Zum Abschluss möchte ich Ihnen noch ein paar schöne Bilder zeigen. Die Bilder zeigen die abziehende Gewitterzelle von Osnabrück aus gesehen. Bildergalerie: Abziehende Gewitterzelle
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