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Der Tornado von Bissendorf

Am 29. Juni 1997 wurde die Gegend bei Bissendorf im Landkreis Osnabrück von einem besonders heftigen Tornado getroffen, der sich während eines starken Gewitters gebildet hatte. Die Gewitter waren in einer Squalline organisiert. In Osnabrück fielen in kurzer Zeit 54 mm Niederschlag. Die Hauptereignisse waren schwere Downbursts (T4) im östlichen Niedersachsen, aber auch Thüringen und Nordostbayern, weil diese auf erheblich größeren Flächen als die Tornados wirkten.

Die Tageshöchsttemperatur betrug an diesem Tag knapp 28°C, es war schwül-warm. Am frühen Abend wurde der Tag (es war ein Sonntag) dann mit einem wahren Paukenschlag beendet, ein schweres Gewitter (vermutlich Superzelle) brachte Wolkenbruch, bis 3 cm großen Hagel und sogar 2 Tornados, die für erhebliche Zerstörungen (bis in den T5-Bereich) sorgten.

Martin Hubrig (freiberuflicher Forstexperte) hat nach dem Ereignis die Schäden dokumentiert, Augenzeugen befragt und Bilder von den Zerstörungen gemacht, um die Ergebnisse in einem vom Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Auftrag gegebenen Gutachten (veröffentlicht in Aus dem Walde, 1999, Band 52) zu dokumentieren.

Dokumentation des Tornados von Bissendorf
(c) Martin Hubrig

Schadensbereich: Bissendorf bei Osnabrück (52°10´- 52°20`N / 8°12´- 8° 15´E)
Datum und Uhrzeit: 29.06.1997, 18.45 - 19.05 Uhr
Wetterdaten: Tageshöchsttemperatur 28 Grad, Wind aus SSW.

Die bei Bissendorf kleinflächig (in einem Bereich von 0,5 x 10 km) aufgetretenen, schweren Schäden wurden neben etwas Hagel und Starkregen fast ausschließlich durch einen, kurzzeitig sogar zwei F2 - Tornados, die von SSW nach NNO zogen, aber mäandrierten und auf kurze Distanz sogar Richtungswechsel vollzogen, verursacht. Diese beiden Tornados hatten eine Lebensdauer von ca. 20 min und erreichten eine Zuglänge von rund 10 km. Intensive Schäden fanden sich - scharf abgegrenzt von nicht oder nur unwesentlich betroffenen Bereichen - nur innerhalb eines unter 100 m bis ca. 500 m breiten Streifens. Während des Durchzugs der Tromben selbst gab es keinerlei Niederschlag Erst nach dem Durchzug setzte ein "fürchterlicher" Regen ein. Hagel bis ca. 3 cm Schloßengröße, der auch zu Schäden an einigen Gebäuden und Pkws führte, gab es wenige km weiter im SSO, nicht im direkten Schadensbereich der Tromben.

Die Ergebnisse bei der Recherche dieser Stürme fußen auf Befragungen Betroffener oder in der Nähe der Sturmschäden wohnenden Anwohner, sowie auf in Wäldern oder an Waldbäumen aufgetretenen Schäden. Wegen der erst ca. vier Wochen nach dem Ereignis einsetzenden Recherche und lediglich terrestrischer Untersuchung des Schadensgebietes sind genauere Aussagen zum genauen Schadensmuster des bzw. der zeitweise zwei Tornados leider nicht möglich.

Dieser Sturm war, weil dieser isoliert ohne weitere schwere Stürme aufgetreten ist, der klein-flächigste jenes Gewitterabends. Von der Intensität her (im oberen F2-Bereich der Fujita-Skala einzustufen) war dieser aber zumindest innerhalb Teilbereichen der stärkste jenes Gewitterabends. Aufgrund der Tatsache, daß nur dünn besiedelte Gebiete "getroffen wurden" und niemand körperlich zu Schaden gekommen ist, wurde über dieses Unwetter nur in den lokalen Medien berichtet. Daher ist dieser Sturm über den unmittelbaren Bereich hinaus wenig bekannt geworden. Auch der DWD hat diese beiden Tornados nicht registriert. Daher werden nach der ausführlichen Beschreibung der Schadensbahn und einiger aufgetretener Schäden im folgenden noch einige markante Eigenschaften dieses Sturmes, die auf Schilderungen von mehreren Augenzeugen fußen, aufgeführt.

Der erste Bodenkontakt des größeren und langlebigeren Trombenschlauches ließ sich aufgrund der in einem Waldgebiet zwischen Borgloh und Holte aufgetretenen Schäden genau lokalisieren. Am ersten Auftreffpunkt - in einer ca. 1km südlich der Holter Burg gelegenen Senke, die zum Königsbach entwässert, wurde ein Loch von weniger als 40 m Durchmesser in einen ca. 60-jährigen Fichtenbestand geschlagen. Der Trombenschlauch zog nun mäandrierend in Richtung Osten, hob sich - bei jeweils zunehmenden Durchmesser - und längerem Bodenkontakt noch dreimal, so daß in diesen Fällen im Zugweg befindliche Bäume weitgehend unbeschädigt blieben. Nach dem Überqueren der Kreistraße von Borgloh nach Bissendorf wechselte die Zugrichtung der Trombe nach Nordosten, behielt aber einen stark mäandrierenden Verlauf bei. Die Breite der ab hier auf einer Länge von gut 3 km ganz durchgehenden Schadensbahn schwoll von anfangs weniger als 100 m auf zum Schluß ca. 200 m an. Hier erreichte der Trombenschlauch auch seine höchste Intensität (die vermutlich an F3 heranreicht). Anwohner eines im Randbereich der Zugbahn gelegenen, stark betroffenen Fachwerkhauses, waren zum Glück abwesend. Dieses Gebäude war nach dem Durchzug der Trombe, deren Schadensbahn hier erstmals auf über 100 m Breite anwuchs, äußerlich (bis auf das teilweise abgedeckte Dach) zwar unbeschädigt, aber stark verzogen. Die teils zerborstenen Fenster und Türen ließen sich erst nach einer "Richtung des Hauses" wieder schließen. Bemerkenswert war hier auch, daß auf der dem Tornado zugewandten Seite des Hauses schwere Gegenstände, z.B. Gartenmöbel und ein gußeisener Grill, ca. 300 m weit verfrachtet wurden, während auf der anderen Seite eine Glasvase auf einem Gartentischchen unversehrt stehen blieb.

Kurz darauf gesellte sich ca. ein km nordöstlich der Holter Burg, einige 100 m weiter nördlich der ersten Trombe, ein zweiter Trombenschlauch hinzu. Dieser war offensichtlich auf Freiflächen westlich des Höhenzuges "Auf der Heue" innerhalb von weniger als einer Minute aus den Wolken "herabgewachsen". Beim Überschreiten des flachen Höhenzuges "Auf der Heue" unmittelbar nördl. der A 30, hoben beide Trombenrüssel (durch das Auslassen , bzw. nur partielle Beschädigen von Wald gut dokumentiert) wieder ab. Beim Überqueren der A30 wurden Baum- und Strauchteile auf der Autobahn "zurückgelassen", so daß diese in diesem Abschnitt kurzfristig gesperrt werden mußte. Im weiteren Verlauf der Zugbahnen nördlich der A 30 bis zur Ortschaft Linne (ca. zwei km südlich von Schledehausen gelegen) war der Schadensbereich insgesamt breiter (bis über 400 m), meistens aber weniger intensiv. Intensive Schäden traten hier nur noch partiell (außerhalb des Bereichs der Ortschaften Himbergen, Nemden und Wersche) auf. Vermutlich reichten die hier ein oder noch zwei Tromben (dies war nicht in Erfahrung zu bringen), nicht immer bis zur Erde. Der punktgenaue Verlauf der Tromben läßt sich daher hier auch nicht mehr ausmachen. Von den Tromben offensichtlich getroffene Eichen wurden entwurzelt oder in der Krone abgedreht. Ein auf nassem Boden stockender, 3 ha großer Pappel- Erlenbestand wurde zerstört. Während die Pappeln komplett geworfen wurden, wurden die dazwischenstehenden Erlen meistens abgebrochen, teilweise auch umgebogen. Markant : Im Bereich der Bauernschaft Himbergen wurden Rhododendronbüsche herausgerissen, nicht entwurzelt oder umgeknickt.

Im weiteren Verlauf der Schadensbahn wurde die Ortschaft Linne von einer Trombe im östlichen Teil gestreift, wobei zwei Bauernhöfe stark in Mitleidenschaft gezogen wurden. Die Wohnhäuser blieben glücklicherweise einigermaßen (nur Dächer beschädigt) verschont. Dahingegen wurde ein gemauerter Stall gänzlich zerstört, sowie ein größerer Fachwerkspeicher komplett um ca. 0,5 m versetzt. Dieser blieb dabei zwar bis auf die Türen weitgehend heil, wurde aber windschief "zurückgelassen". Ein kleiner, historischer Glockenturm (der bisher allen Stürmen getrotzt hatte) wurde völlig zerstört.

Nördlich der Ortschaft Linne muß dieser Trombenschlauch (der zweite hatte sich offensichtlich bereits vorher aufgelöst) wieder deutlich vom Erdboden abgehoben sein, denn ein zwischen Linne und Schledehausen liegender, bewaldeter Höhenzug wies keine Sturmschäden auf. Erst fast drei km weiter im NNO - in Schledehausen-Westrup - senkte sich ein letztes Mal ein Trombenschlauch auf einer Strecke von einigen 100 m zur Erde: Zuerst wurde ein Obstgehölz völlig zerstört. Dann zog die hier offensichtlich aber glücklicherweise schon schwächere Trombe - eine in der Zugbahn stehengebliebene Kastanie, die allerdings zahlreicher Äste beraubt und stark entlaubt wurde, belegt dies - über den Bauernhof Lübbert hinweg. Hier wurde neben teilweise komplett abgedeckten Gebäuden eine Scheune auch in der Mauersubstanz so schwer beschädigt, daß diese später abgerissen werden mußte. Da sich in der weiteren Umgebung - insbesondere im mutmaßlichen weiteren Zugbahnverlauf - keine gravierenden Sturmschäden mehr fanden, kann davon ausgegangen werden, daß sich die Trombe bereits wenige 100 m nördlich des Hofes Lübbert endgültig aufgelöst hat.

Beide Tornados sind von mehreren Augenzeugen als aus den dunklen, sehr bedrohlich aussehenden Gewitterwolken herabreichende, schnell rotierende graue Wolkenschläuche (ähnlich dichtem Rauch) gesehen worden. Der Durchmesser dieser sich ständig wandelnden Gebilde, die offenbar nicht immer bis zur Erde herabreichten (was sich mit den aufgetretenen Schäden gut deckt) wurde mit zwischen 50 und gut 100 m beschrieben. Auch ein im weiteren Lebensverlauf erfolgendes Anschwellen des Trombenschlauches konnte beobachtet werden. Die größere Trombe soll sich sogar einmal geteilt und anschließend wieder vereinigt haben, was sich gut mit einem sonst nicht zu erklärenden Schadensbild in Einklang bringen ließ (hiermit ist nicht der zweite Tornado gemeint!). Da keine Minute nach dem Vorbeiziehen der Trombenschläuche unvermittelt ein äußerst intensiver Starkregen einsetzte, der die Sicht auf teilweise unter 50 m begrenzte, entzogen sich die Wolkengebilde der weiteren Beobachtung.

Zwei Augenzeugen berichteten von einer kräftigen Windhose, die in einer Rotationsbewegung Zweige und Äste teilweise bis mehrere 100 m hoch "aufgesaugt" habe. Die bis in größerer Höhe rotierenden Äste fielen noch mehrere 100 m vom Sturmzentrum entfernt wieder zu Boden. Ein längeres Beobachten der Trombe war wegen des dann niedergehenden sehr dichten Regens nicht mehr möglich.

Andere Augenzeugen erzählten, daß plötzlich ein sehr lautes Fauchen und Knistern, wie von einem überdimensionalen Feuer zu hören gewesen sei. Das Fauchen müssen die Windgeräusche selbst gewesen seien, während das Knistern durch das Zerbrechen und Zerbersten von ganzen Buchen und Buchenästen (an dieser Stelle wurde ein Buchenbestand zerstört) verursacht worden ist.

Ein gute Beschreibung lieferte Herr Eiteljörge, dessen Grundstück noch im Einzugsbereich einer der beiden Tromben lag und daher erheblich in Mitleidenschaft gezogen wurde: "Gegen 18.45 Uhr wurde es plötzlich stockfinster, es war noch fast windstill, etwas Regen kam auf. Dann kam mit einem irrsinnigem Krach eine große Windhose aus Südwesten herangezogen und zog nur ca. 60 m südl. vom Haus über eine an das Grundstück angrenzende Wiese. Gleichzeitig zog einige 100 m weiter nördlich eine kleinere Windhose mäandrierend parallel zur ersten, im Wald eine ca. 100 m breite Gasse mit Totalschäden hinterlassend. Eine auf der Terrasse stehende bayerische Bierzeltgarnitur wurde plötzlich hochgehoben, einmal in der Luft gedreht und flog dann wie ein Geschoß gegen einen im Garten stehenden Schuppen. Die im Garten stehende, einbetonierte Wäschespinne begann sich plötzlich schnell wie ein Propeller zu drehen, flog wie ein Helikopter hoch und zerprang schließlich. Bäume hoben sich, wurden aus dem Boden herausgehoben, standen waagerecht in der Luft und fielen schließlich wieder herunter. Eine ca. 10-13 m hohe Gruppe aus 3 Birken und 4 Pappeln, deren Wurzeln zu einem ca. 8-9 m Durchmesser großen Teller verwachsen waren, wurde als Ganzes mehrere m angehoben, schwebte kurz waagerecht in der Luft und fiel schließlich wieder zurück."

Sein Fachwerkhaus wurde beim Vorbeiziehen der Trombe "in seinen Grundfesten erschüttert". Das an der Ostseite gelegene Dachfenster wurde herausgesogen, Glassplitter lagen im Garten, nicht im Haus. Viele Dachpfannen, insbesondere vom etwas südl. gelegenen Schuppen (in den die Bierzeltgarnitur geschleudert wurde), sind abgesogen worden. Herrn Eiteljörge, der ein Hobby-Hochseesegler ist, sagte, daß er schon manchen ungeheuren Sturm auf dem Atlantik erlebt habe, aber nicht annähernd einen so starken wie diesen. Übrigens hatte sich seine Frau aus Todesangst im Haus "verkrochen"“, sicherlich ein Grund weswegen bei derartigen Ereignissen viele potentielle Augezeugen keine Beobachtungen zum direkten Wettergeschehen machen konnten.

Von diesen beiden Tornados waren nur Privatwaldflächen betroffen, die durch das LWK-Forstamt Osnabrück der Landwirtschaftskammer Weser-Ems betreut werden. Während die Bezirksförstereien Melle und Hilter nur geringe Schäden von jeweils wenigen 100 Efm. zu verbuchen hatten, - in Melle waren drei Waldbesitzer betroffen, so waren die Schäden in der Bezirksförsterei Bissendorf erheblich: Hier wurden durch diese beiden Tornados auf fast 60 ha Fläche Totalschäden mit einem Holzanfall von ca. 12.000 Efm. verursacht, wobei dieser sich aus etwa 4.000 Efm. Laubholz (hauptsächlich Buche und Eiche) und 8.000 Efm. Nadelholz (überwiegend Fichte und etwas Lärche) zusammensetzt. Die größte zusammenhängende Totalschadensfläche lag bei etwa 25 ha, diese steht aber mit weiteren großen Kahlflächen mehr oder weniger in Verbindung. Neben mittleren und hohen Altersklassen wurden auch Jungbestände stark in Mitleidenschaft gezogen. Aufgrund der kleinbäuerlichen Struktur in diesem Bereich war die Zahl der Waldbesitzer insbesondere in Bezug auf die Größe der Schadensfläche mit 55 sehr groß. Da viele Besitzer Handtuchflächen von teils nicht einmal 20 m Breite besitzen, war bei der Aufarbeitung der oft wirr ineinander verkeilten Stämme eine genaue Zuordnung der einzelnen Waldbesitzer oft kaum möglich.

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