Außergewöhnlicher Hagelschlag am 18. Juni 2002 in OstfrieslandEine Dokumentation von Martin HubrigDer 18. Juni 2002 war in vielen Regionen Deutschlands nicht nur der heißeste Tag im letzten Jahr. In einigen Landstrichen Nordwestdeutschlands fiel auch sehr großer Hagel. Besonders in der Region Ostfriesland (etwa zwischen Papenburg und Esens) fiel Hagel in gewaltiger Größe. Dabei konnten Hagelsteine bis zu einem Gewicht von 500 g und 10 cm Durchmesser dokumentiert werden. Sturm war sicher nicht der vorherrschende Schadenmodus, dennoch wurde am Leuchtturm Alte Weser eine Böe mit 137 km/h (74 Ktn.) registriert und auf einem Campingplatz bei Dorum (umhergewirbelte Campingwagen) Sturmschaden in T3-Intensität (Eklärung dazu siehe hier) auf. Am späten Nachmittag diesen Tages begannen sich Schwergewitter entlang einer Konvergenzlinie (die einer über Frankreich liegenden Kaltfront vorgelagert war) zunächst in der Form weniger, isoliert auftretender Superzellen auszubilden. Diese erstreckten sich etwa von Dortmund bis zu Nordseeküste und dort noch weiter NNE über die Nordsee bis nach Dänemark. Von dort wurden auch 2 oder 3 Tornados gemeldet. In dieser Frühphase der Gewitter gab es auch die schwersten Hagelschläge. Neben den herausragenden Ereignissen in Teilen Ostfrieslands wurden auch aus dem Gebiet um Hamm, zwischen Cuxhaven und Bremerhaven, sowie aus Teilen Kiels zum Teil schwere Hagelschäden; weniger schwere u. a. aus Dortmund und Osnabrück gemeldet. Herausragend waren dabei die maximalen bodennahen Temperatur- und Taupunktwerte, die etwa bei 36°C zu 18°C lagen. Auf dem Höhepunkt der Gewitterentwicklung wurde eine für norddeutsche Verhältnisse recht ungewöhnliche Wolkenhöhe von ca. 14-15 km erreicht. Während sich die Tropopause an jenem Tag in der schon seltenen Höhe von ca. 12,5 km befand, schossen Teile der Wolken im Bereich der Aufwindtürme (Overshooting Tops genannt) noch um 2 bis 2,5 km darüber hinaus. Für die meteorologisch Interessierten empfiehlt sich dieser sehr informative Hintergrund-Beitrag von Matthias Jaeneke. Der "Vollblut"-Meteorologe Jaeneke war bis zu seiner Pensionierung unter anderem Niederschlagsradarexperte beim DWD und dort auch jahrelang für die Fortbildung von Meteorologen im Bereich Gewitter-Kurzfristvorhersage und -Analyse tätig. Sein Beitrag erklärt anhand von zahlreichem, nicht ohne weiteres verfügbaren Material, warum sich in so kurzer Zeit fast expolsionsartig so schwere Gewitter gebildet haben. Mit aussagefähigen Radarbildern, diversen Wetter- und Analysekarten, sowie Satellitenbildern wird die meteorologische Situation lebendig beleuchtet. In den Seitenrissen lokaler Radarbildern wird überhaupt erst klar, welch hohes Niederschlagspotential - dass sich aufgrund der sehr hohen Aufwindgeschwindigkeiten in den Wolken als sehr großer Hagel geäußert hat - die Wolken an jenem Tage besessen haben. Die höchste Reflektivitätsstufe (>55dbZ, Erklärung siehe hier) bis in die maximal erfassbare Höhe von 12 km wurde mehrfach beobachtet.
Neben 2 oder wahrscheinlich sogar 3 Superzellen in Ostfriesland, einer weiteren in der Region Dortmund bis nördlich von Hamm, sowie je einer weiteren südlich der Elbmündung und bei Kiel bildete sich auch im Osnabrücker Raum in den späten Nachmittagsstunden (kurz vor 18:00 MESZ) innerhalb einer halben Stunde eine Superzelle aus. Die Geschwindigkeit mit der der Cb in den Himmel schoß, war schon wirklich imposant anzusehen. Die fünf folgenden Bilder geben das Geschehen wieder. Das erste Bild wurde von Martin Hubrig rund 20 km südöstlich von Osnabrück aufgenommen. Man erkennt sehr schön, wie der Cb mit gewaltiger Dynamik in den Himmel geschossen ist. Die zwei folgenden Bilder wurden etwa zeitgleich von Sven Lüke bei Osnabrück-Eversburg aufgenommen. Direkt über Osnabrück lag der eindrucksvolle und scharf abgegrenzte Rand vom Amboß der Superzelle. Aus dem Stadteil Osnabrück-Eversburg lag auch eine Schadensmeldung, verursacht durch bis 4 cm großen Hagel, vor. Die zwei Bilder eine Spalte tiefer wurden von Andre Meinders bei Versmold-Peckeloh (ca. 30 km südlich von Osnabrück) aufgenommen, wir sehen die gleiche Superzelle also aus drei verschiedenen Perspektiven.
Im späteren Verlauf kam es zu einer für Superzellen ungünstigen Bildung einer eher zusammenhängenden Gewitterlinie, die offensichtlich die Aufwindzonen der Superzellen zerstörte. Innerhalb dieser Gewitterlinie traten zwar auch noch Hagel, schwere Regenfälle und Sturmböen auf, aber das an diesem Tage sicher möglich gewesene, ganz große Unwetter (Superzelle von US-Ausmaßen) mit langandauerndem schwersten Hagelschlag und einem Tornadoausbruch, mit möglicherweise sogar einem oder mehreren verheerenden (F4 oder F5) Tornado blieb dadurch zum Glück aus. Herr Kiese´ (Reporter beim "Anzeiger für Harlinger Land, Ostfriesisches Tageblatt") hat für diese Dokumentation freundlicherweise drei sehr eindrucksvolle Hagelfotos per E-Mail zugestellt, die im folgenden abgebildet sind.
Von der Familie Meyer aus Esens (der Kontakt wurde dankenswerterweise durch Herrn Kiese´ ermöglicht) gab es eine Schilderung aus der Sichtweise einer Familie, die sich wie die ganz überwiegende Mehrzahl der Bundesbürger nicht näher mit extremen Wetterereignissen befasst. Am Freitag, den 6.6.2003 hatte ich die Fam. Meyer in Esens während meines Urlaubs an der Nordseeküste persönlich aufgesucht. Frau Meyer war sehr zuvorkommend, bot mir gleich eine Tasse Kaffee an und zeigte mir dann den immer noch eingefrorenen Hagelstein. Der Hagelstein war jetzt, 1 Jahr später noch ca. 6,5 x 9,2 cm groß und wog noch gut 200 g. Von der Form her war dieser unregelmäßig, gezackt (die Zacken waren mittlerweile vom vielen Herzeigen und der Sublimation in der Truhe fast zusammengeschmolzen), oval, von der Struktur trüb-glasig. Zur Anschauung zwei von Herrn Meyer per Digicam Ende Juni 2002 geschossene Bilder dieses Hagelsteines im noch weitgehend ursprünglichen Zustand:
Im folgenden Frau Meyers Eindruck vom Geschehen vor einem Jahr etwa im Wortlaut:
Meine Frage, ob hier wegen der enormen Größe der Hagelsteine auch Dachpfannen zerschlagen, oder Krater in die Rasennarbe geschlagen wurden, beantworte Frau Meyer mit "Nein, so etwas sei bei ihnen und in der unmittelbaren Nachbarschaft nicht passiert." Im NDR-Beitrag in "Hallo Niedersachsen" vom 19.06. wurden allerdings Bilder derartiger Schäden aus demselben Hagelzug (ebenfalls nahe Esens) gezeigt . Demnach müssen die im NDR gezeigten, runden, schneeballartigen Hagelsteine härter als die bei Fam. Meyer gefallenen und auf den beiden Fotos gezeigten, die von glasiger Konsistenz und unregelmäßig gezackter Form waren, gewesen sein.
Von Herrn Benz (der aufgrund seiner Tätigkeit für den Ostfriesisch-Oldenburgischen Wasserverband OOWV viel in der dortigen Gegend herumkommt) habe ich folgende interessante Beschreibung zur Struktur der Hagelsteine telefonisch mitgeteilt bekommen: "In der Kernzone des Hagelschlages traten neben taubeneigroßen bis schneeballgroße Hagelkörner auf. Letztere waren von kristalliner Struktur, weißlich, gezackt, rauh und unregelmäßig geformt. Die kleineren, auch in der Randzone gefallenen Hagelkörner waren etwa taubeneigroß, transparent, gläsern und dunkler als die großen. Diese enthielten deutlich sichtbar einen diffus erscheinenden Kondensationskern." Wie ein NDR-Bericht ("Hallo Niedersachsen") und ein Zeitungsartikel aus der Ostfriesen-Zeitung gezeigt haben, gab es aber auch noch die weiße, fast kugelrunde Form. Diese Hagelsteine glichen im Aussehen tatsächlich großen Schneebällen, nur das erstere aus Eis waren. Interessant waren die Hagelsteine schon, offensichtlich gab es drei verschiedene Typen, die sicher auf eine unterschiedliche Entwicklung, bzw. unterschiedliche Entwicklungsstadien in der Superzelle hinwiesen.
Zum Schluß möchten wir noch einen Aufruf starten, der auch für jede andere bei uns abzurufenden Dokumentation gilt:
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