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Das Hagelunwetter vom 15. Juni 2002Am frühen Morgen des 15. Juni 2002 wurde der südliche Landkreis Osnabrück sowie das östlich davon angrenzende Nordrhein-Westfalen von einem außerordentlich starken Hagelschlag heimgesucht. Auf einer nur wenige km breiten aber fast 30 km langen Fläche wurden durch die Hagelkörner tausende Autos beschädigt, Scheiben zertrümmert, Bäume entlaubt und Menschen und Tiere verletzt. Das Maximum des Hagelunwetters wurde dabei zwischen Dissen und Wellingholzhausen erreicht, fotografisch konnten hier bis zu 6cm große Hagelkörner nachgewiesen werden. Die ersten großen Hagelkörner wurden bei Bad Iburg gemeldet. Die Hagelfront zog dann sich rasch verstärkend weiter in östlicher Richtung und richtete u.a. in Hilter, Dissen, Wellingholzhausen, Melle und Spenge teils erhebliche Schäden an.
Martin Hubrig konnte das Unwetter von seiner Wohnung in Wellingholzhausen aus beobachten. Die Beobachtungen, die er während und nach dem Hagelschlag machen konnte, hat Martin zu einer kleinen Dokumenation zusammengestellt: Am Morgen des 15.06.2002 wurde ich um kurz vor 07:00 Uhr von permanentem Dauergegrummel geweckt. Ein Blick aus dem Fenster zeigte mir, dass da offensichtlich eine Superzelle im Anmarsch war. Nach Süden hin war es sehr dunkel, die Wolkenuntergrenze war durch den Beutling, "unseren" kleinen Hausberg verdeckt. Von dort spannte sich wie ein gigantischer Torbogen eine dunkle, niederschlagsfreie, gewölbte Wolkenzone bis zur einer gelblich-grauweißen Wolkenwand im Nordwesten. Eine sehr unheimliche Stimmung. "Das sieht aber böse aus", sagte ich zu meiner Frau. Dabei ärgerte mich, dass ich abends zuvor den letzten Film in der Olympus-Kleinbildkamera wegen des Schützenfestes (unser Nachbar war Schützenkönig) vollgeschossen hatte. In unseren beiden Spiegelreflexkameras waren auch keine Filme. Einen Camcorder hatte ich damals noch nicht. So beobachtete ich das beeindruckende Gewölk. Im Südwesten, dem RFD-Bereich (RFD = Rear-Flank-Downdraft) wurde plötzlich ein Fractus wie aus dem nichts mit sehr hoher Geschwindigkeit schräg nach unten gepuscht. Mehr konnte ich nicht sehen, da der Beutling den Blick dahin versperrte. Wie sich später herausstellte , gab es bei Halle-Hörste immerhin F1/T2 - RFD-Sturmschäden. Es fiel auf, dass die Vögel ein lautes Gezeter veranstalteten. Dann konnte man aus WNW ein unheimliches, immer lauter werdendes, fast surrendes Rauschen vernehmen. Die Vögel verstummten. Ich sagte "Au weia, ich glaub da kommt gleich Hagel". Aber vielleicht auch Sturm, man kann ja nicht sehen, was sich in der Wolkenwand befindet. Ein Blitz fuhr in den ca. 500 m entfernten Kirchturm und wurde durch den Blitzableiter abgeleitet. Noch immer kein Regen. Kurz nach dem Donnerschlag setzte Hagel ein, gleich etwa 1,5 bis 3 cm große Schlossen. Diese wurden schnell immer größer, ein wirklich lautes Getöse übertönte alle anderen Geräusche. Ich wich vom Fenster zurück, man wusste ja nicht, wie groß die Hagelsteine noch werden. Es waren jetzt Brocken von 5-6 cm dabei, nicht nur runde, sondern viele unregelmäßig geformte, z.T. richtig spitz gezackte. Zum Glück war es in Wellingholzhausen sowohl unmittelbar vor- als auch während des Hagelschlages kaum windig (nicht mal geschätzte 6er Bft. - Böen), so dass der Hagel mehr oder weniger senkrecht fiel. Noch immer kein Regen. Nach ca. 1 Minute mischte sich Regen unter den Hagel und nach ca. einer weiteren Minute löste der Starkregen den Hagel ab. Noch immer im Schlafanzug zog ich mich schnell an und rannte nach dem knapp 5 Minuten andauerndem Wolkenbruch nach draußen, um einige Hagelsteine einzusammeln. Nachdem diese Steine im Gefrierschrank waren, setzte ich im WZ-Forum schnell eine Meldung ab, um danach nochmals nach draußen zu gehen, die angerichteten Schäden zu begutachten und eine größere Menge Steine einzusammeln.
Schwerverletzte hat es wegen der günstigen Zeit (Samstagmorgen am Schützenfesttag) keine gegeben, mindestens 2 Personen trugen leichtere Blessuren davon. Zwischen Wellingholzhausen und Küingdorf wurden Kühe einer sich im Freien aufhaltenden Kuhherde vom Hagel blutig geschlagen. In Panik haben diese Tiere den Weidezaun durchbrochen und sind in einen angrenzenden Wald geflohen. Wie ich erst 10 Wochen später erfahren habe, soll ein Lehrer in Dissen sogar ein 8 cm großen Hagelstein aufgelesen und eingefroren haben. Zu diesem Zeitpunkt besaß er diesen leider nicht mehr. Im Baumarkt-Regenmesser, der offensichtlich nicht von einem größeren Hagelstein getroffen worden war, befanden sich 15 mm Niederschlag. Unterstellt man max. 3 mm für das nächtliche Gewitter (bei dem kaum Niederschlag fiel), sind 12 mm Niederschlag in weniger als 7 min gefallen. Diese Menge dürfte aufgrund der großen, nur kurze Zeit und damit nicht flächendeckend gefallenen Hagelsteine eher zu gering eingeschätzt sein. Erstaunlicherweise hatte es sich nur ganz kurz abgekühlt. Nach dem Durchzug der Superzelle schien bald wieder die Sonne und es wurde schon am späten Morgen wieder über +20°C warm. Das der Hagelschlag im weiteren Verlauf des Schützenfestes das Gesprächsthema Nr. 1 war, liegt auf der Hand. Die feuchtwarme, labile Wetterlage hielt an. Schwere, aber ebenfalls lokal begrenzte Hagelschläge wurden auch aus anderen Teilen Deutschlands (v.a. Bayern) berichtet. Nur 3 Tage später gab es bei uns den mit +36,5 °C heißesten Tag des Jahres. Der Taupunkt lag bei über + 21°C. Nach 17:30 Uhr schoss quasi aus dem nichts (vorher heiterer Himmel mit max. Cu. med.) im WNW von mir (Bereich Münster - Rheine - Osnabrück) ein gewaltiger Cb. hoch. Dieser entwickelte sich binnen 30 min zur Superzelle und brachte bei Osnabrück bis hühnereigroßen Hagel. Weiter im Norden (Papenburg, Esens) bildeten sich an der Konvergenzlinie "explosionsartig" Superzellen, die bis 10 cm großen und 500 g schweren Hagel, der Millionenschäden anrichtete, brachte. Tornados gab es in Nordwestdeutschland keine (wohl aber in Dänemark). In Dorum bei Bremerhaven wirbelte jedoch ein F1/T3 Downburst auf einem Campingplatz Wohnwagen durcheinander. Glücklicherweise kam niemand ernsthaft zu Schaden. Im weiteren Verlauf des Sommers fiel mir auf, dass sich die Leute jedes Mal, wenn ein Gewitterregen sich steigerte, ängstlich nach dem Motto nach oben blickten: "Na, doch nicht schon wieder Hagel". Einige interessante Bemerkungen zum Hagelschlag (Auszug aus WZ-Forum-Archiv, leicht verändert und ergänzt):
Das soweit meine Beobachtungen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder absolute Richtigkeit erheben, da es sich hierbei um Einzelbetrachtungen handelt. Einige Dinge habe ich auch nur aus Angaben dritter Personen erfahren, meistens aber redundant. Wie mir Dr. Nikolai Dotzek und Christoph Gatzen - beide DLR - aufgrund des von Andre Meinders geschossenem Panoramabild der Zelle per E-Mail versichert haben, handelt es sich bei der Hagelzelle eindeutig um eine Superzelle.
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