Hallo,
am 18. und 19. November 2010 fand in Offenbach der 2. Tornadoworkshop des DWD statt. In diversen Vorträgen haben zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland über diverse Aspekte der Tornadoforschung gesprochen und diskutiert. Die Zuschauer dieser nicht öffentlichen Veranstaltung setzten sich größtenteils aus Mitarbeitern des DWD zusammen sowie, ein paar ausländische Forscher sowie natürlich den Personen, die Vorträge gehalten haben. Hier eine kleine Zusammenfassung des Workshops, wo Skywarn mit zwei Vorträgen vertreten war.
Alles fing um 10:30 Uhr mit einer im Vorfeld des Workshops durchgeführten Pressekonferenz statt. Ich hatte eigentlich mehr Medien im Gartensaal des DWD erwartet, so war neben dem hr auch SAT.1 (Regional) dabei, Redakteure der dpa, BILD und anderen Agenturen, insgesamt konnte man die Anzahl der Personen aber an zwei Händen abzählen.
Ganz vorne am Tisch saßen Herr Lux (Pressesprecher DWD), Andreas Friedrich (Tornadobeauftrager beim DWD), Bernold Feuerstein (ESSL), Sven Lüke (Skywarn Deutschland), Chuck Doswell sowie Dr. Russel Schneider (Leiter des NOAA/SPC, dem amerikanischen Wetterdienst). In dieser genannten Reihenfolge konnte dann jede Person mit Hilfe ein paar Powerpoint-Präsentationen erklären, was seine Organisation denn so macht. Diese Folien gibt es 1:1 auch im Internet zu sehen:
http://www.dwd.de/bvbw/generator/DWDWWW ... posium.pdfAls ich an der Reihe war, erzählte ich also ein paar Sachen über Skywarn, was wir so machen und unsere Aufgabe ist. Als ich nach ein paar Minuten fertig war, hatten die Presseleute es wohl aufgenommen, aber wohl noch nicht so ganz verarbeitet. Nach ein paar Sekunden dann eine (anfangs noch zögerliche) Frage zu den Stormchasern. Ich hatte diesen Aspekt erklärt und da war das Eis dann gebrochen, die Medien fragten gezielter nach und ich wurde nach der eigentlichen Pressekonferenz (obige erwähnte Reihenfolge) noch in Einzelinterviews vernommen.
SAT.1 (Regionalausgabe) stellte mir ein paar kurze Fragen vor der Kamera, dann noch ein paar Kamerafahrten um meine Person herum, wie ich in den grauen Novemberhimmel blickte. Zwei Journalisten beantwortete ich Fragen und einer davon war von der BILD. Sieben Jahre lang hatte ich es geschafft, nicht in dieser Zeitung zu erscheinen, jetzt hatten sie mich am Wickel. Nun ja, da musste ich jetzt durch, es wurden noch ein paar Fotos gemacht und ich bin mal gespannt, ob und wann und in welcher Auflage (regional oder ganz DE) dazu noch was geschrieben wird. Liebe BILD: Das war jetzt Eure Chance, vermasselt es nicht!
OK, kommen wir jetzt zum eigentlichen Workshop, der um 13:30 Uhr anfing. Ich gebe hier (teils mit persönlichen Noten versehenen) die vorgetragenen Präsentationen mal kurz wieder. Dazu sei noch angemerkt, dass alle Vorträge in Englisch vorgetragen wurden:
Begonnen wurde mit der allgemeinen Begrüßung sowie einer Gedenkminute für den verstorbenen Nikolai Dotzek. Dann waren Bernold Feuerstein, Pieter Groenemeijer und Thilo Kühne an der Reihe und hatten über die Arbeit beim ESSL gesprochen. Für uns nichts wirklich Neues und da wir das ja schon alles kennen, gehe ich da auch nicht hier groß weiter drauf ein.
Dann war ich an der Reihe und hatte etwas über das Thema "Stormchasing - Chasing Tornadoes in Germany" erzählt. Ich ging dabei auf allgemeine Punkte ein (Schulungscenter, unsere Ausrüstung, etc), aber auch das Thema Sicherheit wurde angesprochen, unterlegt mit anonymisierten Bildern vom Fehlverhalten während des Chasings (Blitzschlaggefahr und Kamera in der Hand während der Autofahrt). Persönlich hatte ich das Gefühl, dass ich mit dem Vortrag wesentlich schneller durch war, als ich vom Zeitrahmen zur Verfügung hatte, aber es konnten so noch ein paar Fragen gestellt werden. Chuck Doswell sagte mir nach dem Vortrag noch "Good Job, man" zu meiner Präsentation, vor allem wohl auch wegen dem Umstand, dass ich auf den Sicherheitsaspekt eingegangen war, der beim Stormchasing aufkommt.
Dann war Andreas K. an der Reihe. Souverän erklärte er die neue Meldehotline von Skywarn und wie die Daten darin verarbeitet werden. Brauch ich an dieser Stelle ja nicht groß weiter zu erklären.
Christoph Gatzen und Helge Tuschy erzählten dann etwas über Estofex. Herrlich die Anekdote, wie der Name Estofex entstanden war und was Nikolai Dotzek dazu damals beim ersten Mal sagte, als er den Namen hörte: "Also für mich hört sich das wie ein Waschmittel an". Christoph packte dann eine überklebten Waschmittelkarton aus ("EstofeX, das neue kraftvolle Waschmittel") und hatte die Lacher damit auf seiner Seite.
Chuck Doswell erzählte dann eine ganze Menge über die Arbeit von Skywarn in den USA. Die unterscheidet sich erheblich von dem, was wir in Deutschland und Europa machen. So werden dort überwiegend Spotter eingesetzt, die bei einem aufziehenden Unwetter von lokalen Emergency Centern (Rettungsleitstellen) an diversen Posten aufgestellt werden und dann Bericht abgeben, wenn was passiert. Chuck ist ein überaus talentierter Redner und hat es drauf, das Publikum in seinen Bann zu ziehen. Und sein Englisch ist supergut zu verstehen.
Dann waren Emmanuel Wesolek/Pierre Mahieu (Keraunos France) an der Reihe, sie gingen detailliert auf den Tornado von Hautmont ein, der ja mit F4 klassifiziert wurde. Resümierend kann man hier sagen, dass noch immer im Raum steht, dass vielleicht auch ein F5 noch möglich wäre, wo sich die Franzosen aber noch nicht mit anfreunden möchten. Innerlich musste ich manchmal in mich hineingrinsen, weil sich Englisch mit französischem Akzent einfach herrlich anhört (z.B. "Anemometer"). Warum die Franzosen hier auch "eigenbrötlerisch" selbst Outlooks im Rahmen der Keraunos France erstellen und ihre Manpower nicht bei Estofex einbinden, bleibt nicht nur mir ein Rätsel.
Dann war Marianne König von EUMETSAT an der Reihe und erzählte etwas über die neue Generation von Satelliten und wie diese dazu verwendet werden können, um konvektive Vorgänge in der Atmosphäre zu erfassen. Dazu wurde im Anschluss dann auch noch EUMETSAT-Zentrale in Darmstadt besucht, wo es noch ein paar detaillierte Informationen gab. Der erste Tag endete dann mit einem gemeinsamen Abendessen beim Mongolen. War echt lecker, aber die Geräuschkulisse war doch recht laut und Gespräche teils etwas anstrengend.
Am nächsten Tag erzählte dann Dr. Aurora Bell vom rumänischen Wetterdienst etwas über Tornados und Superzellen im süd-östlichen Rumänien. Wie sie entstehen, welche Wetterlage dafür vorherrschen muss, etc. Ein in meinen Augen sehr interessanter Vortrag und die Gegend im süd-östlichen Rumänien könnte sich durchaus mal für eine Sturmjagd anbieten.
Dann waren Mitarbeiter vom DWD mit Vorträgen vertreten und erzählten von einigen Produkten, die dort in der Entwicklung und im Einsatz sind. Neben dem Erkennen von Mesozyklonen (z..B. bei Velocitykarten der Radardaten) war ich besonders vom SDI (Supercell Detection Index) angetan. Dieses Verfahren berechnet bis zu 12 Stunden vorab, wo mit Superzellen zu rechnen ist. Die Daten werden dabei als eine vorausberechnete und animierte Niederschlagsradarkarte dargestellt. An Hand ein paar Beispiel wurde dabei gezeigt, wie sich die Vorausberechnung mit dem tatsächlichen Radarbild deckte. So wurde das Ereignis vom Pfingstmontag in Sachsen und Brandenburg nahezu komplett an die Polnische Grenze verschoben, in Deutschland gab es nur wenige Echos.
Andere Beispiele aber zeigten, wie gut das System arbeitet. Exemplarisch sei hier der 9. Juni 2010 aufgeführt, wo eine Superzelle mit Tornado ja durch den südlichen Osnabrücker Raum Richtung Ostwestfalen zog. Ich konnte diese Zelle, die sich damals ab 13:00 Uhr bildete, nicht chasen, da ich beruflich bei Gronau unterwegs war.
Fast schon erschreckend genau wurde die Zugbahn dieser Zelle mehrere Stunden im Vorfeld berechnet und als (ich muss es nochmals betonen) vorausberechnete Radarkarte wiedergegeben. Hätte ich davon gewusst, ich hätte den Nachmittag freinehmen können und die Zelle beobachten können. Das SDI-Verfahren wird in Zukunft sicherlich noch sehr interessant werden.
Zum Schluss war dann noch Dr. Russell Schneider mit seinem Vortrag an der Reihe. Im ersten Teil ging er etwas auf die Behörde im Allgemeinen ein, im zweiten Teil sehr detailliert darauf ein, bei welchen CAPE- und Scherungsparametern die meisten Tornados in den USA auftreten. Ich habe die ganzen Zahlen jetzt nicht mehr im Kopf, vielleicht kann die die Daten noch nachreichen. Es waren jedenfalls sehr viele Diagramme und Karten.
Dann wurde die Veranstaltung offiziell beendet und ich trat etwas später die Heimfahrt an – inklusive 13 km Stau auf der A5.
Grüße, Sven