von Gerrit Rudolph, Limburg/L am Mi Aug 13, 2008 9:36 pm
So,
als nächstes geht der Blick speziell nach Götzenhain. Mir liegen dank des Heimatforschers mehrere Seiten aus dem Kirchenbuch "Chronik der Gemeinde Götzenhain" vor. Der Verfasser ist leider nicht aus den Kopien ersichtlich. Der mir vorliegende Abschnitt befasst sich eingehend mit der Geschichte der Kirche- insbesondere deren Baugeschichte.
Hieraus möchte ich nun wörtlich zitieren:
"Die Kirche war trotz der Reparaturen kein festes, dauerhaftes Gebäude geworden. [...] Ihr Alter mochte schon mehrere Jahrhunderte betragen und die Verwahrlosung, welche sie während eines hundertjährigen Verschlusses erlitten hatte, arbeitete dem Zahn der Zeit in die Hände. Die Kirche stürzte am Sonntag, den 19. Juni 1774 durch einen heftigen Sturmwind zusammen. Die Gewalt dieses Sturmwindes war indessen nach allen Nachrichten eine furchtbare. Nicht bloß in Götzenhain, sondern auch in Dietzenbach und Umstadt und in weiteren Kreisen richtete er gewaltige Zerstörungen an. In Dieffenbach's Nachrichten über Dietzenbach heißt es, dass sich am 19. Juni 1774 nach einem schwülen Tag von südöstlicher Himmelsrichtung ein Gewitter erhoben habe, welches wie Feuer und Flammen tosend heranzog. Um fünf Uhr wurde es ganz finster und es erfolgten zwei Stöße, wie bei einem Erdbeben. In kaum fünf Minuten seien in Dietzenbach fast alle Dächer arg beschädigt und 35 Gebäude, meist Scheunen zusammengebrochen gewesen; Wald- und Obstbäume wurden entwurzelt, und Schloßen fielen wie Eisstücke vom Himmel und zerschlugen alle Pflanzen. Zwei Weiber wurden von einem stürzenden Eichbaum erschlagen und eine Dritte von dem Winde in die Höhe gehoben und wieder herabgeworfen, dass sie alsbald tot war. In Umstadt wurden (nach der dortigen Chronik) 17 Häuser von dem Ungewitter zerstört und ebenfalls einige Leute erschlagen."
Kurze Zwischenbemerkung von mir:
1. Umstadt als betroffener Ort war bisher nicht bekannt- liegt ziemlich weit von Dietzenbach in südöstlicher Richtung. Ob es wirklich der gleiche Fall ist?
2. Ein Teil der Schäden des Gesamtunwetters könnte sicherlich auch durch Downburst(s) verursacht worden sein.
Weiter mit dem Zitat:
"In Götzenhain sollen die Wolken wie eine furchtbare, Verderben bringende schwarze, schwere Masse sich bis auf die Dächer gesenkt haben, alles zu erdrücken drohend, und dann unter furchbarem Getöse und unter der unwiderstehlichen Gewalt eines Wirbelwindes sich in einem Augenblick wieder geteilt haben, dass sämtliche Gebäude mehr oder weniger hart beschädigt und fast alle Obstbäume zerbrochen worden seien. Auch die alte Kirche widerstand der Gewalt dieses Naturereignisses nicht und stürzte des Nachmittags nach fünf Uhr zusammen."
Die Chronik berichtet nun weiter, dass die Kirche wiederaufgebaut wurde. Grundsteinlegung war am 20. März 1775. In den Grundstein wurde unter anderem ein Aufsatz des damaligen Pfarrers "über die Veranlassung und Aufrichtung des neuen Kirchenbaus" beigelegt. Dieser Aufsatz fand sich in den Pfarr- Akten wieder und wird in der Chronik wie folgt zitiert:
"[...] 1774, den 19. Juni, [...] hat der gerechte und allmächtige Gott das Dorf, Götzenhain benannt, durch einen sehr starken und entsetzlichen Sturmwirbelwind abends zwischen fünf und sechs Uhr so empfindlich heimgesucht, dass durch solchen alle Häuser im ganzen Dorf abgedecket, viele Fenster eingeschlagen, fünf Gebäude gänzlich umgestürzet und durch solchen Sturmwirbelwind im Dorf und Feld 1032 gute, fruchtbare Obstbäume zerbrochen, gänzlich aus der Erde gestürzet und so zugerichtet, dass die mehrsten abgehauen weren mussten. Das empfindlichste aber war, dass das göttliche, allmächtige Wesen Gott, der ewige allmächtige Herr, auch mit diesem Sturmwirbelwind seinen Tempel, die Kirche im Dorf, dergestalt heimgesuchet hat, dass dieselbe nicht allein ihres wehrsten Daches und Sparren beraubt, sondern auch so übel zugerichtet worden, dass nach Besichtigung einer Hochfürstlichen Baucommission dieselbe nicht mehr für brauchbar, sondern zum Abbruch erkennet worden.[...]"
Ich mache erst mal hier Schluss für heute,
Gruß, Gerrit
Edit: Naja, fast Schluss. Ich habe eben mal auf eine Karte geguckt, wie die bisher (hier und bei Thomas Sävert) genannten Orte zueinander liegen- auch im Verhältnis zur genannten Zugrichtung ("von südostlicher Richtung")
1. Die Verbindungslinie der Orte (Groß-)Umstadt, Dietzenbach, Götzenhain, Egelsbach ist total krumm.
2. Sie passt zumindest teilweise nicht mit der Zugrichtung zusammen.
Ich sehe daher Fragezeichen:
1. Ein Fall oder mehrere?
2. Alles Tornado?
3. Großräumigeres Unwetterereignis, z. B. Squall, Bow- Echo, MCS?
4. Fehler in den Quellen?
Gruß, Gerrit