Synoptische Übersicht:

 

Im Zuge des Tiefkomplexes über der Nordsee wurde noch einmal feuchtheiße Luft aus Südwesten nach Deutschland advehiert. Dabei lag eine Luftmassengrenze etwa zwischen Pfälzer Wald und Nordbrandenburg.

Wetterkarte

Kräfte Warmluftadvektion eines Tiefs bei Schottland, Bodentief über dem nördlichen BW. Quelle: wetter3.de

 

Sie trennte schwülheiße Luft südöstlich davon von milderer Luft im Nordwesten. Die Temperaturen erreichten fast im gesamten Süden und der Mitte Werte um oder wie in Bayern weit über 30°C. Die Taupunkte lagen vielerorts wieder jenseits 20°C. Konvektion in dieser ausgesprochen energiereichen Luftmasse wurde aber durch einen starken Deckel sehr lange unterdrückt, sodass sie sich bis weit in den Nachmittag aufheizen konnte und sich erst spät Gewitter entwickeln konnten.

Abgesehen von einzelnen orographischen und vorlaufenden Gewittern begann die Hauptgewitteraktivität erst am Abend mit der Ausbildung eines Bodentiefs über Baden-Württemberg, das sich langsam nach Nordosten verlagerte.

Dadurch war genügend Hebungsantrieb für verbreitete Auslöse vorhanden bis in die Morgenstunden des 01.07.2012. Die Windscherung erreichte noch einmal höhere Werte als am Tag zuvor, sodass sich, im Zusammenhang mit den Energiewerten betrachtet, am Morgen des 30.07.2012 abzeichnete, dass mit einer außergewöhnlichen Schwergewitterlage gerechnet werden musste. Dementsprechend wurde vom European Storm Forecast Experiment (estofex) ein Level 3 ausgegeben, d.h. dass verbreitet von extremen Unwettererscheinungen ausgegangen werden musste.

Estofex

Quelle: estofex.org

 

Gewitterentwicklung:

Kurz nach Mitternacht entwickelte sich am 30.06.2012 ein kleines Gewittercluster im Saarland, das bis zum Morgen nach Ost-Nordost zog und zusammen mit anderen Clustern aus Bayern und später aus Sachsen-Anhalt einen kleinen Komplex bildete, der gegen Vormittag Richtung Polen wanderte und sich abschwächte. Dann folgte eine relativ lange Phase ohne nennenswerte Konvektion (s. oben).

Erste orographisch ausgelöste Gewitter mit großem Hagel entstanden am Erzgebirge.

Zur gleichen Zeit entstand eine isolierte Superzelle aus dem Nordschwarzwald heraus und zog bis bis Nürnberg. Auch diese Zelle brachte bei Feuchtwangen sehr großen Hagel.

 

Hagelzelle

Massive Aufwinde der Hagelzelle bei Feuchtwangen, Foto: Tobias Hämmer

 

Am frühen Abend zog ein intensiver Gewitterkomplex aus der Schweiz nach Baden-Württemberg, der sehr heftige Niederschläge brachte und eine extreme Blitzintensität aufwies.

Über Nord-Baden und Franken entstanden weitere isolierte Zellen, darunter wahrscheinlich mehrere Superzellen, die wiederum großen Hagel brachten.

Durch die zunehmende Wirksamkeit des Bodentiefs nahm der Gewitterkomplex im Süden, mittlerweile ein Mesoskaliges Konvektives System (MCS), deutlich an Stärke und Ausdehnung zu, ebenso die vorlaufenden Zellen in Franken, die nun Richtung Sachsen und Thüringen zogen. Hier waren vor allem Orkanböen die Hauptgefahr.

Superzelle

Superzelle mit großem Hagel (>6cm) in Nord-Badenwürttemberg, Foto: Daniel Eggert

 

Zur gleichen Zeit entwickelten sich auch erste vorlaufende Zellen in Brandenburg. Später zog eine weitere kräftige Gewitterlinie in einer eher östlichen Zugrichtung von Frankreich herein, während in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg vor allem nach Mitternacht (01.07.2012) immer mehr isolierte Zellen mit heftigen Begleiterscheinungen entstanden. Wahrscheinlich waren auch hierunter einige Superzellen, da viele dieser Gewitter von der Hauptzugrichtung rechts ausscherten und beständige Niederschlagskerne aufwiesen.

Das MCS verlagerte sich nach Nord-Nordost, während sich ringsherum weitere Gewitterzellen entwickelten, vor allem in ]Mittelbayern und Hessen. Abgesehen von kurzen Phasen der Verstärkung verlor der Komplex verlor rasch an Intensität. Gegen 1 Uhr nachts (MESZ) am 01.07.2012 erstreckte sich der Komplex, der noch vor Mitternacht mit dem aus Frankreich zusammengewachsen war etwa vom ]Nordschwarzwald bis zur Leipziger Tieflandsbucht. Die intensivsten Gebiete lagen dabei über der Schwäbischen Alb, Sachsen und in einem Streifen von Mittelhessen bis zum Südharz.

Einzelne Kräftige Zellen entwickelten sich am Westharz und zogen ins Nördliche Harzvorland. Die Zellen über Brandenburg verclusterten zunehmend. Der MCS zog unter Abschwächung in den frühen Morgenstunden weiter Richtung Polen und Ostsee ab. Über der Schwäbischen Albentwickelte sich im Nachhinein noch ein Gewittercluster, dass aber bis zum Morgen größtenteils in skaligen Regen überging. Bis zum Vormittag folgten noch einzelne schwächere gewittrig durchsetzte Regengebiete nach.

 

 

Schäden:

Schäden gab es vor allem durch großen Hagel, Orkanböen, Blitzeinschläge und Überflutungen in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. In Bayern starb eine Frau durch einen Baum, der auf ihr Auto fiel. An anderen Orten gab es viele Verletzte. Der größte Hagel wurde in der Region um Feuchtwangen in Mittelfranken mit 9cm Durchmesser gemeldet (Hilpertsweiler; Quelle: ESWD) Die höchsten Niederschlagsmengen wurden bis 11.45 Uhr (MESZ) am 01.07.2012 in Baden-Württemberg registriert:

Ehingen/Donau: 45,9 l/m²

Reutti: 45,1 l/m²

Leutenbach: 44,8 l/m²

Aber auch in Bayern, Hessen und Brandenburg[ kamen vereinzelt Niederschläge von mehr als 30 l/m² zusammen

Quelle: wetterpool.de

Schäden sind außerdem aus Frankreich, Polen und Österreich bekannt.

 

Chasingberichte:

http://forum.skywarn.de/viewtopic.php?f=4&t=9877

http://www.wzforum.de/forum2/read.php?8

http://www.natur-motive.de/index.php/gewitterjagd-2012/111-30-juni-2012-superzellen

 

Presselinks:

Baden-Württemberg:

http://www.swp.de/heidenheim/lokales/kreisheidenheim/Stromausfall-nach-Unwetter-im-Landkreis-Heidenheim-Verletzte-beim-Rockfestival

http://see-online.info/schweres-unwetter-zog-uber-den-bodenseekreis/

http://www.badische-zeitung.de/kandern/baum-stuerzt-auf-fahrendes-auto--61171464.html

Bayern:

http://www.sueddeutsche.de/bayern/unwetter-in-bayern-baum-stuerzt-auf-auto-fahrerin-stirbt-1.1398083

http://www.infranken.de/regional/lichtenfels/Unwetter-haelt-Rettungskraefte-in-Atem

http://www.augsburger-allgemeine.de/donauwoerth/Verletzte-und-umgeknickte-Baeume-id20817556.html

http://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Hunderte-Haushalte-in-Schwaben-noch-immer-ohne-Strom-id20815671.html

Hessen:

http://www.osthessen-news.de/n1216205/bad-hersfeld-schweres-unwetter-ueber-waldhessen-wasserschaeden-&-feuerwehreinsaetze.html

Sachsen:

http://www.bild.de/regional/chemnitz/gewitter/unwetter-wuetet-ueber-dem-vogtland-24942678.bild.html

 

   
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